Abschied vom Klimabündnis

„ Zukunft, das heißt ganz simpel: weniger Kohlendioxydausstoß, viel viel weniger!...“
|  5. August 2010 
Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf ein lokales Klimabündnis im Oberbergischen Kreis in NRW. Es wurde gegründet nach einer Demonstration gegen ein Kohlekraftwerk. Die Gründungsmitglieder waren neben Einzelpersonen der Verein NOVE (Nutzung ökologisch verträglicher Energien e.V.), der Nabu Oberberg, BUND, RBN, attac. Später trat der Evangelische Kirchenkreis an der Agger bei. Der Verfasser, Lothar Gothe, ist NOVE-Mitglied und hat auch die attac-Positionen beim Bündnis vertreten. Die Oberbergische attac-Gruppe war damals auseinander gefallen, jetzt gibt es seit Anfang des Jahres wieder eine neue. Der Verein NOVE wird hauptsächlich von Ingenieuren getragen und betreibt Photovoltaikanlagen auf Schulen und einem Rathausdach.
Lothar Gothe

In der weiteren Mitarbeit im oberbergischen Klimabündnis sehe ich keinen Sinn mehr und will das begründen. Wie sich die attac-Gruppe dazu verhält, ist noch unklar. Das Klimathema wurde noch nicht wirklich diskutiert; ein anderer Ansprechpartner aus der Gruppe hat sich bisher nicht gefunden.

Zunächst will ich sehr ernsthaft betonen, dass ich die folgenden Ausführungen ohne Groll und Ärger schreibe, wohl aber mit echter Enttäuschung.

Lange habe ich darüber nachgedacht, warum ich nicht mehr daran glaube, daß unser Klima-bündnis irgendeine nennenswerte Wirkung gegen den Klimawandel in der Wirklichkeit erzeugt; warum ich glaube, dass unsere Aktivitäten seit zwei Jahren (abgesehen von den durch NOVE oder Einzelpersonen neu errichteten Ökostromanlagen) weitgehend wirkungs-lose Ersatzhandlungen geblieben sind, dass wir uns oft gegenüber den großen Gefahren in Nebensächlichkeiten, technischen Detailfragen und von vornherein sinnlosen Gesprächen und Verhandlungen mit Energieversorgern verloren haben. In diese Reihe gehört auch die Vorstellung des Klimabündnisses im Umweltausschuss: Die interessierten Ausschussmit-glieder hören vielleicht zu, wissen aber sowieso Bescheid, an den anderen rauscht das eh vorbei, Kompetenzen hat der Ausschuß hier nicht, vielleicht schreibt das Käseblättchen was, an der schlechten Klimarealität ändert sich jedoch rein gar nichts: Symbolpolitik wie z.B. auch der Beitritt des Oberbergischen Kreises zur Klimaallianz.

Ihr wisst wohl, dass Meggie, ich und andere nach dem Tschernobyl Gau intensiv über unsere

verschwenderische Lebensweise nachgedacht haben und zu dem Schluß gekommen sind, dass

die tiefere Ursache für die Nutzung dieser lebensbedrohlichen Technik eben darin begründet ist und nicht nur in den kapitalistischen Profitinteressen der Anlagenbetreiber. Deshalb haben wir nach Produktionsweisen und Lebensstilen gesucht, die mit erheblich weniger Energie und Rohstoffverbrauch auskommen.

Dabei ist nach und nach unser Hof entstanden, der weitgehend nach dem althergebrachten nachhaltigen Prinzip der Subsistenz ausgerichtet ist. Gleichzeitig die dezentrale Behälterkom-postierung in Eckenhagen, die gegenüber der Großanlage in Engelskirchen eine erheblich bessere Energiebilanz aufweist. Beide Projekte haben im Vergleich zur Großtechnik auch eine viel bessere soziale Bilanz (mehr Arbeitsplätze pro Tonne Küchenabfälle bzw. pro Hektar.)

Auch vor 20 Jahren war uns wie auch vielen anderen bereits bewusst, dass unsere kapita-listische Wirtschaft des grenzenlosen Wachstums neben den Gefahren der Atomkraft auch die des Klimawandels immer weiter verschärft. Dazu erlaube ich mir aus der Broschüre „ Land in Sicht“ zu zitieren, die Meggie und ich 1990 herausgegeben haben:

„Was tun gegen die Klimaveränderung? Neben dem Zurückschrauben des Verbrauchs an Industrieprodukten und Energie scheint eines am Wichtigsten: Bäume pflanzen. Das Gleich-gewicht zwischen Kohlendioxydausstoß ( Mensch/Tiere) und Kohlendioxydbindung (Pflanzen) haben wir durch den Verbrauch fossiler Energieträger seit 100 Jahren am schwersten gestört. Die Orkane des letzten Winters sind die Folge davon....“

„ Zukunft, das heißt ganz simpel: weniger Kohlendioxydausstoß, viel viel weniger!...“, unddas führt zu der Frage, was wir uns noch leisten können und was nicht. Und dazu müssen wir wiederum wissen, was für unser wirkliches Leben unbedingt nötig ist und was nicht. Was wir nicht zum Leben brauchen, muß sofort eingestellt werden...“ 

„Wenn es jetzt wirklich langsam ernst wird, dann ist es nicht mehr mit Appellen und Greenpeace-Aktionen getan, dann müssen wir uns selbst ins eigene Fleisch schneiden.

Aber wer hält denn auch nur ein bischen Schmerz und Mangel aus, gewöhnt an die schmerzfreien Therapien der Wohlstandsgesellschaft? Hat denn einer hier noch verzichten oder auch nur zurückstecken gelernt?“

Immer wieder habe ich bei den Diskussionen und Gesprächen im Rahmen des Klima-bündnisses auf unsere jeweilige persönliche Mitverantwortung für die drohende Klimaka-tastrophe hingewiesen und verlangt, dass wir auch darüber diskutieren, wie wir durch Verzicht auf klimaschädliche Verhaltensweisen wirksamen Klimaschutz betreiben können. Und dass wir deshalb auch unbedingt bei uns selbst anfangen müssen und dann auf die einzelnen Menschen zugehen und sie auf ihre persönliche Verantwortung hinweisen und Wege aufzeigen. Etwa durch Aktionen in den Fußgängerzonen. Oder durch Aufrufe innerhalb der Mitgliedsorganisationen wie Nabu oder Ev. Kirchenkreis. Wenn deren viele tausend Mitglieder ihre Lebensweise auch nur geringfügig sparsamer gestalten würden, hätten wir den Klimaschutzeffekt von vielen Solaranlagen und Windrädern schnell erreicht. Ohne Investitionen, ohne komplizierte Technik!

Stattdessen aber haben wir zwei Jahre lang Gespräche mit Energieversorgern wie der Aggerenergie geführt, bei denen vorher feststand, dass diese niemals freiwillig gegen die Profitinteressen ihrer Kartellmütter wie RWE handeln werden. Und diese Interessen stehen denen des Klimaschutzes genauso unversöhnlich gegenüber wie denen der sozialen Gerech-tigkeit. Sowenig wie von den Bossen der großen Unternehmen erwartet werden kann, dass sie freiwillig durch Einsicht oder moralische Verpflichtung prekäre Löhne und Sozialabbau unterbinden, so unrealistisch ist es, grundlegende Veränderungen ihrer Energiepolitik durch das Vorbringen unserer guten Argumente beim Klimaschutz zu erhoffen.

Auf beiden Ebenen geht es nicht darum, unwissende Wirtschaftsführer aufzuklären, worauf-hin sie dann ihr Verhalten um 180 Grad ändern. Sie sind ja nicht dumm, sie kennen die Gefahren ihrer Handlungsweisen vielleicht sogar besser als wir. Sie wollen profitorientiert handeln und tun dies im vollen Bewusstsein der schlimmen Folgen. Sie kennen dabei keine Moral und keine Verantwortung für das Ganze. Das aktuelle Beispiel ist BP, worauf ich später noch zu sprechen komme.

Letztendlich werden die weltbeherrschenden Wirtschaftsmächte eben gezwungen werden müssen, zugunsten des Klimaschutzes auf Profit zu verzichten, so wie sie in der Vergangen-heit durch harte Kämpfe der weltweiten Arbeiterbewegung zur Aufgabe ihrer brutalen Aus-beutung in den Industrieländern gezwungen werden mussten. (In sog. Entwicklungsländern besteht mit unserer stillschweigenden Billigung die brutale Ausbeutung allerdings fort.)

Unser Klimabündnis aber verhält sich diesen Machtverhältnissen gegenüber im Wesentlichen so, als wäre der nötige Umsturz eine akademische Frage, die wir nur ausdiskutieren müssen. Wenn wir dann wissenschaftlich bewiesen haben, dass der Klimaschutz der einzig richtige Weg für die Zukunft ist, dann werden ihn alle beschreiten. Das ist - mit Verlaub - naiv.

Über die technischen Alternativen

In unseren Diskussionen und Gesprächen nahmen technische Fragen den weitaus größten Raum ein. Also Anlagen für regenerative Energien wie Windkraft, Solarenergie, Biomasse, Kraft-Wärme-Kopplung. Dabei verloren wir uns zeitweise in nebensächlichen Details wie geringfügigen Unterschieden bei Wirkungsgraden oder bei den Stromtarifen, die akribisch bis in Cents verfolgt wurden.

So kamen wir zeitweise vom Ökostromhölzchen aufs Ökostromstöckchen und diskutierten über ein paar Euro mehr oder weniger im Monat. Wenn wir ehrlich sind, interessieren uns ein paar Euro aber kaum, wenn wir einkaufen gehen, in Urlaub fahren etc.

Solche Kleinkrämerei steht in einem merkwürdigen Mißverhältnis zu den tatsächlich lebensbedrohlichen globalen Gefahren, denen wir entgegentreten wollen. So entsteht der Eindruck, dass wir uns in Nebenkriegsschauplätze flüchten, weil wir uns nicht an die Hauptsache - unser „schönes Leben“ - herantrauen.

Ihr wisst dass Meggie und ich ja keineswegs technikfeindlich sind, sondern im Gegenteil in gewisser Hinsicht sogar Vorreiter bei neuer Hochtechnologie. Hofbesuchern habe ich all die Jahre lang erklärt, dass sich bei unserem „Selbstversuch“ für ein ökologisch verträgliches Leben und Arbeiten eine „Mischung aus Hightech und Mittelalter“ ergeben hat.

Ich glaube auch immer noch, dass dies auch im Großen die Lösung sein würde. Teils haben wir auf sparsame Produktionsweisen und etwas bescheidenere Lebensweisen zurückgegriffen, aber auch Photovoltaik, Holzgasheizung und das Spritsparauto Lupo 3L angeschafft sobald es unsere begrenzten Finanzmittel zuließen.

Aber die Hoffnung auf technische Auswege hat gerade auch bei unseren eigenen Anlagen in jüngster Zeit einen kräftigen Dämpfer bekommen:

Der 3 –Liter-Lupo ist zum wiederholten Male defekt und die Reparaturrechungen übersteigen inzwischen unsere finanziellen Möglichkeiten. Weil VW, wie wir heute wissen, wegen seines Engagements in der Ölindustrie gar nicht ernsthaft das Spritsparauto auf den Markt bringen wollte, wurde die Produktion bei 30.000 Stück sang und klanglos eingestellt. Wegen der geringen Stückzahl sind Inspektionen und Reparaturen sündhaft teuer, wir haben in 9 Jahren und bei 220.000 km 12.000 Euro hinblättern müssen! Zudem kommen die Werkstätten mit der komplizierten Technik nicht klar und pfuschen häufig rum, wie jetzt Schirp bei uns.

(Wen es interessiert, kann meinen Wutbrief an den VW -Vorstand bekommen.)

Auch die Nachführung unserer Photovoltaikanlage hat nach 7 Jahren bereits den Geist aufge-geben. AEO fand den Fehler nicht, die Anlage stand Monate mit raushängenden Strippen still. Nun scheinen die Fehler langsam erkannt zu werden, Wir befürchten, dass auch bei dieser Anlage eine Kette von Reparaturen bevorsteht. Nun teilt Klaus Peter mit, dass er keine nachgeführten Anlagen mehr verkaufen will. Super!

Sowohl die finanziellen als auch die ökologischen Bilanzen haben sich bei beiden Hightech-Produkten leider erst im Nachhinein als recht beschissen herausgestellt!

Wir wissen auch, dass die hochgelobten Ethanol- und Biosprittechnologien sich inzwischen als Irrweg und ökologische Mogelpackungen mit schlimmen sozialen Folgen herausgestellt haben. Oft sind die Kraftstoffe vom Acker klimaschädlicher als Erdöl, es werden pro Liter 4560 Liter Wasser verbraucht und die Lebensmittel werden verknappt. Jean Ziegler nennt deshalb die Subventionen für Biosprit „Verbrechen an der Menschheit“.

Es kann jedenfalls kein Zweifel daran bestehen, dass der weit größere Anteil an unserer verbesserten Energie- und Klimabilanz durch den Verzicht auf verschwenderische und schädliche Handlungsweisen zustande gekommen ist. Und dieser Klimaschutz ist einfach und billig. Man braucht oft gar kein Geld dafür, sondern spart sogar noch welches! Ein bischen verzichten tut auch gar nicht weh und wir sind überhaupt nicht unglücklich dadurch geworden.

Wenn beim Energiesparprojekt am Wüllenwebergymnasium der Verbrauch allein durch Verhaltensänderungen um 30% zurückgegangen ist, bestätigt auch dies unsere Ansicht.

Daß wir die Klimaprobleme bei gleich bleibendem Verbrauch allein mit 100% erneuerbarer Energie lösen können, ist daher in unseren Augen eine gefährliche Illusion; gefährlich, weil sie uns dazu verführt, die schmerzlichen, aber direkt wirksamen Einsparschritte zu unterlassen.

Global scheitert die Lösung durch neue Technik schon an deren Unfinanzierbarkeit. Stehen wir doch womöglich am Rande von neuen Wirtschafts- und Währungskrisen ungeahnten Ausmaßes. Durchaus nicht unwahrscheinliche weitere Crash könnten die technischen Alternativen schnell sang- und klanglos beenden, jedenfalls weltweit, weil wegen der irrsinnig überschuldeten Staatshaushalte finanzielle Förderungen unmöglich werden.

Deshalb verbieten sich auch die bei der Politik so beliebten „Lösungen“ auf Pump, was die neue rot-grüne Landesregierung leider immer noch nicht kapiert hat.

Scheinaktivitäten und Symbolpolitik

Wie lebensgefährlich die Technikgläubigkeit und die Konzentration auf technische Lösungen sein kann, erlebten wir ja nicht nur bei der Atomindustrie, sondern das sehen wir im Augenblick ja an dem wahnsinnigen „Loch in der Welt“ (Naomi Klein), welches die explodierte BP-Ölplattform im Golf von Mexiko verursacht hat.

Jetzt können wir gegen BP protestieren, campact kann zu Internetprotesten aufrufen und wir können millionenfach Appelle an die Politik unterschreiben, wir können auch massenhaft auf der Straße protestieren:

Es ändert nichts an dem offensichtlichen Marsch in die weltweite Katastrophe, wenn eben weiter das Öl oder die allgegenwärtigen Plastikwaren verlangt werden. Würden wir es nicht direkt und indirekt nachfragen, hätten BP und Konsorten niemals die Hochrisikotechnik der Tiefseeförderung gewagt. Sie tun es, weil das leicht und risikoärmer förderbare Öl zu Ende ist. Unwiderruflich zu Ende! Deshalb bohren sie auch weiter in der Tiefsee, vor den brasilianischen und australischen Küsten sind z.B. hunderte neue Bohrungen genehmigt, teils tiefer und wegen der ungeheuer großen Drücke noch gefährlicher als im Golf von Mexiko!

Wenn wir weiter unbeirrt an unserem gewohnten Lebensstil festhalten wollen, müssen zwangsläufig immer größere Risiken eingegangen werden, sei es bei der Förderung von Öl, bei seiner Verbrennung oder bei der Atomkraft.

Als Beispiel für recht infantilen und auch leicht heuchlerischen Protest weise ich auf die Internetaktion des VCD „Jetzt umlenken -Weg von Öl“ hin. Da wird ausgerechnet der Vorsitzende des Deutschen Mineralölwirtschaftsverbandes aufgefordert, konstruktive Lösungen für eine zukunftsfähige Energieversorgung zu erarbeiten! Der Ölherr soll also einen Plan ausarbeiten, wie sein Verband und dessen Mitglieder abgeschafft werden können. Der Fuchs soll das Schutzprogramm für die Gänse erstellen!

Es ist aber am Ende nicht der Ölverbandsvorsitzende, der an der Tankstelle unser Auto auftankt, was vielleicht 2, 3 oder 5 Liter auf 100 km mehr verbrennt als nötig wären; er zwingt uns auch nicht unnötige und sinnlose Fahrten auf. Ebenso wenig wie der Einzel-handelsverband uns mit der Androhung körperlicher Gewalt dazu bringt, überflüssige Modetextilien, neue Möbel oder jede Menge schädliche Produkte zu kaufen, die wir nicht wirklich zum Leben oder fürs Glücklichsein benötigen. Auch die Fluggesellschaften zwingen uns eben nicht mit vorgehaltener Waffe, in ihre extremen Klimakiller einzusteigen und der Bauernverband ist nicht durch Erpressung schuld daran, dass wir zuviel klimaschädlich erzeugtes Fleisch zu uns nehmen. Und so weiter und so fort.

Wenn das Öl, die Modeprodukte, das Fleisch nicht verlangt und nicht verbraucht werden, wird es nicht erzeugt. So einfach ist das. Da können BP, Lufthansa, Westfleisch sich auf den Kopf stellen! Dann wird nicht in der Tiefsee nach Öl gebohrt, kein AKW betrieben, kein neues Kohlekraftwerk gebaut und auch keine Ställe für die Massentierhaltung!

Andersherum:

Für das, was wir nachfragen und verbrauchen, sind wir persönlich verantwortlich. Durch den Teil davon, den wir ohne Not lassen könnten, werden wir mitschuldig an den dadurch erzeugten Katastrophen.

Wir sind auch mit schuld an dem Elend, welches durch die maßlosen Verbräuche unserer früh industrialisierten Ländern schon lange anderswo erzeugt wird. Jean Ziegler nennt deshalb das Verhungern von 80 Millionen Menschen jährlich sogar „Mord“!

Mir kommt jetzt gerade der Gedanke, dass ich an dieser Stelle sicher wieder für meine drastische Ausdrucksweise kritisiert werde. Ich bitte aber zu bedenken, ob nicht die realen Verhältnisse vielleicht genau so drastisch sind, zumindest aus dem Blickwinkel der Opfer! Und dass deshalb eine zurückhaltende Darstellung manchmal auch beschönigend oder geradezu verfälschend wirken kann.

Bündnispartner

Inzwischen sehe ich das unsaubere Verhalten von Nabu und Michael gegenüber der klimaschädlichen und unsozialen Praxis des Schafsprojekts der Biologischen Station (viele Flächen verschlechtern sich übrigens immer weiter) nicht mehr als einzelnen Ausrutscher.

Ich habe bereits das Nabu-Projekt „Bürgerwald“ angesprochen und welch verheerender Schlag gegen den Klimaschutz damit verbunden ist.

Der Wald ist unsere größte CO-2 Senke. Bricht er zusammen, wie es die Fichtenmono-kulturen ja schon zunehmend tun, wird die Erderwärmung dramatisch beschleunigt. Das gilt eben nicht nur für den tropischen Regenwald oder die Tundra, sondern auch für unsere Wälder. Fast überall auf dem Globus lässt sich beobachten, wie durch Privatisierung und Deregulierung die Wälder zerstört und geschädigt werden. Die Privateigentümer handeln nicht nach der Devise, dass der Wald auch noch in hundert oder 500 Jahren bestehen soll, sondern nach der höchsten kurzfristig zu erzielenden Rendite.

Zu verlangen, wie der Nabu es tut, den Staatswald zu 80 % in eine Aktiengesellschaft (!) zu überführen, bedeutet, ihn den Profitinteressen der Aktionäre unterzuordnen. Das Ergebnis kann man in Brasilien, Sibirien, Kanada etc. beobachten.

Das Private im Wald wirtschaftlich bessere Erträge als der Staatsforst erzielen würden, ist ein manipuliertes Argument: Sie können nämlich prekäre Löhne zahlen, brauchen keine Lehrlinge ausbilden und können mit gewaltigen Erntemaschinen, die wie 20 Tonnen schwere Rüttelplatten wirken, den Waldboden nachhaltig schädigen. Will das der Nabu? Oder lockt die Naturschutzbürokratie, die sicherlich für die Verwaltung der geplanten Naturschutzwälder auf den restlichen 20% des Staatsforsts eingerichtet wird?

Auch der Hinweis auf den naturnahen Privatwald des Grafen Hatzfeld ist unseriös: Wer für Wald verantwortlich ist, der sich seit Jahrhunderten in Familienbesitz befindet, hat sicher ein anderes Verhältnis dazu als ein anonymer Geldanleger. Denn die Nabu-Wald“bürger“ werden ja wohl kaum Harz 4-Empfänger oder Normalverdiener sein, sondern Spekulanten, Millionäre aller Coleur vom Rennfahrer bis zum Waffenschieber, sie werden nicht Meier oder Müller heißen, sondern RWE, Allianz, Saudi-Arabien etc.

Daß der Nabu auch 10 % „Kurzumtriebsplantagen“ im Wald befürwortet, passt ins unschöne Bild: Neben den Güllewiesen und Maisfeldern haben wir dann auch noch alle paar Jahre weggehäckselte Weidenmonokulturen in der Landschaft mit all den bekannten bodenschädi-genden Folgen. Die „Bürgerwald“- Aktionäre wie etwa RWE können mit den so erzeugten Hackschnitzeln auch noch gute Geschäfte mit Ökostrom machen.

Der letzte Antiklimaschutzhammer ist aber, dass Nabu und WWF Pilotprojekte für die sog. CO 2-Wäsche von RWE und Vattenfall befürworten. Mit der Unterstützung für diese CCS –Projekte (Carbon Capture and Storage) befördern sie den Einstieg in eine neue Hochrisiko-technologie und neue Endlager, hochgefährlich wie die Asse, diesmal nicht mit strahlendem Müll befüllt, sondern mit tödlich wirkendem Giftgas.

Greenpeace und BUND sehen darin ein „enormes Wagnis“ und lehnen diese Technologie als „Feigenblatt der Stromkonzerne“ grundsätzlich ab. Wie beim atomaren Abfall müssten die unterirdischen Lager 100 % dicht sein, bis in alle Ewigkeit. Bei jeglichem Menschenwerk eine Unmöglichkeit!

Wie kann denn eine dem Naturschutz verpflichtete Organisation wie der Nabu CCS als erwägenswerte Option bezeichnen und so den Kohlstrommonstern wie dem RWE den willkommenen Vorwand für die langfristige Fortsetzung der Kohleverstromung liefern?

Wollen wir denn nicht 100 % erneuerbare Energie?

Als Bündnispartner beim Klimaschutz hat sich der Nabu für mich jedenfalls vollkommen disqualifiziert!

Klimaschutz als allumfassende Aufgabe

Mein Begriff von Klimaschutz umfasst also nicht einzelne Teile von Lebensführung oder Produktionsweisen oder gar nur den Teilbereich der Energieerzeugung, sondern unser gesamtes liebes Leben mit all seinen Verästelungen. Er macht nicht an den Grenzen halt und ordnet den Klimaschutz ein in die anderen universellen Gefahren, die der profitsüchtige Kapitalismus und der nihilistische Konsumismus hervorgerufen haben.

Ich gehe sogar so weit, dass ich einen Zusammenhang mit den zunehmenden Zerstörungs-prozessen an unseren Seelen erkenne, die sich z. B. in der explodierenden Zahl von psychischen Krankheiten oder den steigenden Selbstmordzahlen Jugendlicher äußern. Auch das gilt es mit zu bedenken bei der Frage, wie denn unsere Gesellschaft von dem zerstöreri-schen Karussell abspringen kann.

Denn der seelenlose Konsumismus, der ja statt echter Zufriedenheit Ersatzbefriedigungen durch Kauf und Verbrauch materieller Güter hervorbringt und ständig neue künstliche Bedürfnisse erzeugt, hat eben auch krankheitserzeugende Auswirkungen.

Wir alle, ich nehme mich ausdrücklich nicht aus, sind in unserem Alttag von tausend kleinen oder großen Handlungsweisen beherrscht, die wir nicht mehr hinterfragen, weil sie längst in unsere Gewohnheiten übergegangen sind. Nehmen wir den Aufzug: Ohne nachzudenken, drücken wir in der Regel den Knopf, der eine tonneschwere Kabine mit Elektromotoren hochhebt, um uns in das Oberschoß zu bewegen, obwohl ein gesunder Mensch locker die Treppe gehen kann. Oder die Fernbedienungen mit ihren stand-bys: Nur um der Arsch nicht aus dem Sessel zu heben und zum Fernseher zu gehen, betreiben wir alle zusammen für diese minimale Bequemlichkeit ein ganzes AKW oder ein Kohlekraftwerk! Oder wenn mein Gasfuß zu bleihaltig wird, weil ich auf der Fahrt nach Köln 10 Minuten Zeit gewinnen will, obwohl ich sonst jede Menge Zeit vertrödeln kann. Oder, oder ......

Warum treiben wir das alles nur immer weiter, obwohl wir doch die dramatischen Folgen kennen? Obwohl doch viele von uns Kinder und Enkel haben, deren Lebenschancen durch solch rücksichtslosen alltäglichen Stumpfsinn ruiniert werden?

Mich erinnert das, auch bei meinen eigenen gedanken- und sinnlosen Verbräuchen, an die Drogensüchtigen, mit denen ich 20 Jahre lang im SSK (Sozialistische Selbsthilfe Köln) zu tun hatte. Sie wussten ja auch alle, dass es schädlich und lebensgefährlich war, was sie taten, aber die Sucht hatte sie im Griff. Jeder von uns weiß seit langen Jahren, wenn er es denn wissen will, dass unsere derzeitige Art und Weise, den Globus zu bewohnen, zerstörerisch und letztendlich für unsere Nachkommen auch lebensgefährlich ist. Die Wohlstandssucht, die Droge „ american way of life“, hat uns aber anscheinend so im Griff wie das Heroin den Junkie.

Uns aus dieser Abhängigkeit zu befreien, scheint mir die wichtigste Aufgabe für den Klimaschutz überhaupt zu sein, genauso wie für die soziale Gerechtigkeit auf der ganzen Welt oder für die Vermeidung von Kriegen. Vermutlich gelingt es uns auch erst dann, aus der allgemein verbreiteten Gleichgültigkeit gegenüber den heraufziehenden Gefahren herauszufinden.

Die Fanale werden ja immer erschütternder: Die Völker im Süden leiden längst schon brutal an den dramatischen Folgen der Erderwärmung,, seien es Dürren, Fluten oder Stürme. Jetzt treten auch noch„ Ölhöllen“ wie die im Golf von Mexiko auf, die wir (z.B. wie die im Nigerdelta oder in Sibirien) bislang verdrängt haben. Auch die entsetzlichen Kriege um Öl und Ressourcen im Irak, in Afghanistan, im Kongo und an vielen anderen Orten auf der Welt müssen wir wohl mit einbeziehen, sind sie doch eine Art Beschaffungskriminalität der Ölsüchtigen aus Angst vor dem Entzug.

Das oberbergische Klimabündnis hat keinen Weg gefunden, an den Kern des Übels heranzukommen, wir blieben immer schön an der Oberfläche, versuchten an Symptomen zu kurieren, machten uns selber vor, es ginge vorwärts wobei wir tatsächlich auf der Stelle traten. Meine diesbezügliche Kritik, die ich zuletzt im Dezember aufgeschrieben hatte, blieb ohne Wirkung, jedenfalls ohne Diskussion.

Deshalb konzentriere ich mich darauf, meinen persönlichen Klimaschutzweg weiter zu verbessern und im politischen Bereich nach wirksameren und radikaleren Veränderungsmöglichkeiten zu suchen, als die, welche das oberbergische Klimabündnis für angemessenhält.

Diese Gedanken habe ich nicht nur für das Klimabündnis aufgeschrieben, es soll auch als Grundlage für eine weitergehende Analyse des bedrohlichen Zustands unserer Welt dienen und der gottverdammten Hilflosigkeit, mit der wir auf dem führungslosen Zug dahinrasen.

Lothar Gothe, August 2010

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