Alles Gute kommt von unten

7. Regionaler Klimagipfel mit vielen guten Beispielen
| 13. November 2007 
Spannend und aufschlussreich war das Programm des 7. Regionalen Klimagipfels am 10.11.2007 in der Volkshochschule Trier, das in bewährter Zusammenarbeit der Lokalen Agenda 21 Trier, das AStA der Universität Trier und der VBB – Vereinigung Bürger für Bürger e. V. veranstaltet wurde. Nicht warten, bis „oben“ was passiert, war die Devise, sondern zeigen, was man vor Ort tun kann, was andernorts schon in die Praxis umgesetzt wurde. Der drohende Klimawandel lässt uns keine Zeit für langwieriges Interessengerangel, wie in der Politik und auf der Ebene der Energieversorger immer wieder zu beobachten. Auch wenn die Rahmenbedingungen nicht immer optimal sind – man kann was tun.

 

Grußwort OB Klaus Jensen

Die Zeit der Modellentwicklungen ist vorbei, jetzt geht es um die Umsetzung in der Breite. Aber was ist bei der „breiten Masse“ angekommen? Trotz steigender Benzinpreise fahren immer noch jede Menge Spritschlucker auf unseren Straßen.

Auch führt der weltweite Energiehunger zu Verteilungskämpfen, und das auch schon auf dem Sektor der Erneuerbaren Energien. Davon sei Mexiko nur ein Beispiel: Hier habe sich der Preis für Mais verdoppelt, seit dieser als begehrter Grundstoff für den Kraftstoff Bio-Ethanol gefragt ist. Für die Menschen, die sich unbezahlbaren Lebensmittelpreisen gegenübersehen, eine Katastrophe.

Die notwendige Umstellung im Denken und Handeln gestalte sich äußerst schwierig und bringe Zwänge mit sich wie bei der aktuellen Entscheidung über die Beteiligung der Stadtwerke Trier an einem RWE-Kohlekraftwerk. „Das deprimiert mich sehr.“

Positiver sehe er die Entwicklung der Fotovoltaik, was er mit einem Dank an Else Fichter für ihren unermüdlichen Einsatz für das Bürgersolarkraftwerk verband.

Auf einem guten Weg sei das Mobilitätskonzept in Trier, dem der Rat hoffentlich zustimmen werde. Der ÖPNV und das Fahrrad stehen hier im Mittelpunkt. Alle 5 Fraktionen hätten bereits die Bereitschaft zu Investitionen für das Fahrradkonzept signalisiert.

Der Klimaschutz müsse auch im Landesentwicklungskonzept, das gerade in der Diskussion stehe, jetzt eine größere Rolle spielen, z. B. indem sich Siedlungspolitik an vorhandenen Verkehrsachsen orientiert und nicht umgekehrt.

Jensens gute Wünsche für eine erfolgreiche Veranstaltung nahmen die Teilnehmer gern entgegen.

Prof. Dr. Günter Heinemann, Umweltmeteorologe Uni Trier:

Klimawandel in der Region Trier

Der Anteil der Klimagase in der Atmosphäre ist 10.000 Jahre lang stabil gewesen. Im letzten Jahrhundert erst sind sie geradezu explodiert. Zum beobachteten Erwärmungseffekt seit 1750 trage Kohlendioxid (CO2) mit 54% bei, als weitere wichtige Treibhausgase seien Methan mit 16%, Ozon mit 10%, halogenierte Kohlenwasserstoffe mit 11% und Lachgas mit 5% beteiligt. Der Anteil der Änderung der Sonnenstrahlung betrage nur 4%. Bei der Reduktion der Treibhausgase solle man sich nicht nur auf CO2 konzentrieren, mahnte Prof. Heinemann. Methan sei z. B. sehr viel effektiver und damit schädlicher, weshalb es möglichst nicht unbehandelt in die Atmosphäre gelangen sollte. Es sei ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz, wenn das Gas in Biogasanlagen in Energie umgewandelt werde.

Ab den 80iger – 90ziger Jahren ist der Klimawandel zweifelsfrei nachweisbar. Die seitdem stetig hohen Temperaturen sind keine „Ausreißer“ mehr. Nach allen Szenarien ist in den nächsten 100 Jahren eine weitere Erwärmung von 1,5 ° bis 3,5 ° zu erwarten, vorausgesetzt es gibt im nächsten Jahrhundert keine Emissionen mehr.

Die Änderung der Jahresmitteltemperatur ist die eine Sache, wichtiger die vermehrt auftretenden Extreme. Im Süden Europas bedeutet das eine Zunahme von mehr als 30 Tagen mit Temperaturen über 30 °. Zu Veränderungen kommt es auch bei der Niederschlagsverteilung: Im Winter mehr, im Sommer weniger. Einen Anstieg der Jahresmitteltemperatur um 1 Grad verzeichnet man in unserer Region bereits in den letzten 30 Jahren. Je nach Ausstoßbegrenzung muss man für die nächsten Jahrzehnte mit weiteren 2 bis 5 Grad rechnen.

 

Camille Gira, Vorstandsmitglied des Klimabündnisses der europäischen Städte mit den indogenen Völkern der Regenwälder und Bürgermeister der Gemeinde Beckerich in Luxemburg:

Das Klimabündnis: Klimaschutz konkret!

 

Das Klimabündnis wurde bereits 2 Jahre vor dem 1. Weltklimagipfel (2001) gegründet. Lange habe es gedauert, bis endlich vor 2 Wochen in Luxemburg von der europäischen Klimakonferenz die Botschaft ausging: Die Regierungen haben erkannt, dass dem Klimawandel vornehmlich in den Kommunen begegnet werden kann – und soll! Das sei – auch wenn es lange gedauert habe – ein gutes Signal. Das Bündnis hatte sich auf die Reduktion der Treibhausgase um 50 % bis 2010 im Vergleich zu 1987 verständigt. 2007 wurde die Vereinbarung getroffen, den Ausstoß alle 10 Jahre um 5 % zu reduzieren. Bis 2030 soll die Pro-Kopf-Emissionen um 50 % im Vergleich zu 1990 reduziert werden. „Werden Sie Vegetarier, dann haben sie Ihr Soll mit 80 % mehr als erfüllt“, verdeutlichte Camille Gira die Möglichkeiten, dieses Ziel zu erreichen.

Die Mitgliedschaft in einem Netz wie dem Klimabündnis sei wichtig, weil auf diese Weise jeder aus den Erfahrungen der anderen lernen könne, lernen, wie andere es schaffen, mit welchen Instrumenten und Strukturen. Denn die Technik ist längst da.

Allerdings sei kein „Aktionismus“ angesagt, sondern eine methodische Herangehensweise und eine systematische Evaluierung. „Wenn wir die Leute im Boot behalten wollen, müssen sie erkennen können, wo sie stehen. wir haben z. B. in Beckerich jedem, der ein A++-Gerät gekauft hat, 35 Euro gezahlt. So konnten wir nach 5 Jahren nachweisen, wie viele Geräte zu einer Stromersparnis von immerhin 7 % geführt haben.“

Klimaschutz sei als kommunale Aufgabe zu definieren, und alle gehören mit ins Boot, auch „wenn sie sich nicht so mögen“. Es brauche langfristige Ziele, aber kurzfristige Projekte mit Erfolgserlebnissen, damit sich kein Ohnmachtgefühl breit machen könne. Stichworte sind:

·        Energiemanagement in eigenen Einrichtungen

·        Erneuerbare Energien – Ökostrombezug

·        Energiebewusste Bauleitplanung

·        Energiesparkampagnen mit Bevölkerung und Unternehmen

Und zum Verkehr:

·        Emissionsarme Fahrzeuge

·        Verkehrsvermeidende Planung

·        Kooperation mit Unternehmen „clever mobil statt im Stau“.

Nicht zu vergessen sind auch die weltweiten Zusammenhänge:

Bereits jetzt mehren sich die Probleme bei indigenen Völkern, die unsere Biomasse-Politik verursacht hat. Das Bündnis arbeite mit lokalen indigenen Organisationen zusammen, damit kleine Projekte unterstützt werden können, und es gibt einen Rechtshilfefond.

Auch arbeite inzwischen eine Mitarbeiterin in Brüssel, die die EU-Politik beobachte und die Chancen nutze, ein wenig Einfluss im Namen der Bündnismitglieder geltend zu machen.

Ganz wichtig sei neben Umwelt und Wirtschaft die soziale Frage. Sie dürfe auf gar keinen Fall vernachlässigt werden. Sonst könne eine zukunftsgerichtete Klimapolitik keine Mehrheit finden.

Dr. Michael Stoehr, B.A.U.M. Consult GmbH München

Auf dem Wer zur „100 % Region“

Storhr stellte an den Anfang seiner Ausführungen den Hinweis auf das Konzept der Wirtschaftsregion Nordhessen, wo durch dezentrale Versorgung mit Regenerativen Energien mindestens 20.000 Arbeitsplätze geschaffen werden. Das leuchte sofort ein, wenn man sich klarmache, wo bei beispielhaften Energieträgern das Geld bleib:

Von 100 Euro bleiben            Heizöl             Erdgas            Pellets

in der Region                        16                   14                     65

in Deutschland                      25                   12                    32

im Ausland                            59                   74                     3           

Die Energieeinfuhr koste derzeit 500 bis 600 Euro pro Einwohner.

Dazu komme, dass 5 bis 20 % des Bruttosozialproduktes zur Beseitigung der Klimaschäden nötig würden, die konkrete Umstellung auf Erneuerbare Energien nur 1% koste.

In Städten sei das größte Potential die Einsparung, da man es mit großen Gebäuden zu tun habe. Auf Niedrigenergiestandard gebracht, brauchten sie – anders als kleine Einfamilienhäuser – nur bei extremer Kälte geheizt zu werden. Er selbst wohne in München in seinem solchen Haus einer ökologisch orientierten Genossenschaft und profitiere davon. Außerdem seien die einzelnen Wohneinheiten kleiner. Dafür stehe ein Gemeinschaftsraum  zur Verfügung, den alle Mieter für Feierlichkeiten und ähnliches nutzen könnten.

Auch die Einsparung im Verkehrsbereich sei in Städten einfacher mit ÖPNV und Teilautos.

Anzustreben seien Kooperation wie in München zwischen der Ökologischen Baugenossenschaft, dem Regionalen Bio-Produktvermarkter Tagwerk, Naturstrom...

In kleinen Regionen (bis maximal 3.000 Einw.) könnten sich solche Entwicklungen aus der Region selbst – am „Biertisch“ sozusagen – entwickeln, sofern es ein oder mehre Personen gebe, die den Prozess vorantrieben.

In größeren Regionen bedürfe es eines eigenen Systems. Dazu gehöre:

·        Analyse der harten und „weichen“ (Institutionen, Personen) Faktoren

·        Definition von Zielen

·        Definition von Projekten

·        Instrumente und Aktivitäten wie

            Beratung

            Service

            Unternehmerlisten

            unbürokratische Finanzierung

Im Verkehr liege längerfristig die Zukunft beim Elektromotor mit Strom aus Wind und Sonne.  Das sei 10-fach effektiver – auch was den Flächenverbrauch betrifft – als Treibstoff aus Biomasse.

Bene Müller, Solarcomplex AG

Bausteine der Energiewende – Realisierte Projekte in der Bodenseeregion

Solarcomplex hat angefangen als GmbH mit anfangs viel ehrenamtlicher Arbeit, ist aber seit diesem Jahr eine – nicht börsennotierte Aktiengesellschaft mit 600 Mitgliedern. Eins ihrer jüngsten Projekte ist der Solarpark Rickelshausen, eine Fotovoltaikanlage mit 9 ha großen Solarmodulen auf einer stillgelegten Deponie. Die erste bürgerfinanzierte Biogasanlage Württembergs versorgt mit ihrer Abwärme ein Freizeitheim. Das erst Bio-Energiedorf Baden-Württembergs, Mauenheim, versorgt sich mit Strom und Wärme aus einer Biogasanlage, von Oktober bis März zusätzlich mit einer Holzhackschnitzelheizung (die so ausgelegt ist, dass sie den Ort zur Not allein versorgen könnte) und aus Fotovoltaik. Damit so etwas funktioniert, bedarf es Nahwärmenetze. Hausanschlüsse flächendeckend zu verlegen, ist zwar eine mühsame, aber lohnende Aufgabe. Mauenheim produziert heute 6x mehr Strom als die Einwohner verbrauchen und 90 % des Wärmebedarfes. Früher wurden 200.000 Liter Heizöl verbraucht. Bei einem Literpreis von 65 Cent wären das Heizölkosten von 130.000 Euro.

Am Scheitelpunkt des fossilen Zeitalters ist es unabdingbar, rasch eine Versorgungsstruktur mit heimischen Energieträgern zu schaffen. Die geschätzten Kosten dafür von 21 Millionen Euro (in Baden-Württemberg) sind gleichzeitig Einnahmen, die in den Unternehmen hauptsächlich der Region erzielt werden.

Dr. Maria Vankann, altbau plus e. V. Aachen

Strategien und Erfolge einer Beratungseinrichtung für energetische Altbausanierung

Aachen war die erste Stadt, die die Nutzung von Ökostrom mit einer Einspeisevergütung honorierte, wie wir das heute aus dem EEG kennen. So ist die Aufgeschlossenheit gegenüber der Notwendigkeit von Energiesparmaßnahmen groß.

3/4 des Energieverbrauchs in Haushalten gehen heute auf das Konto der Wärmeerzeugung, ein riesiges Einsparpotential.

Seit Januar 2004 existiert in Aachen ein gemeinnütziger Verein aus Kommunen, Energieversorgern, Handwerks- und Handelskammer, Verbraucherzentrale und vielen anderen Organisationen, die aufgrund ihrer bunten – auch gegensätzliche Standpunkte repräsentierenden – Zusammensetzung eine als wirklich neutral empfundene Beratungsstelle betreibt. Neben der persönlichen Beratung zu festen Geschäftszeiten gibt es jeden Monat eine themenbezogene Veranstaltung, den „Sanierungstreff“, außerdem Aktionen, Fachveranstaltungen, Messebeteiligungen, eigene Ausstellungen. Jeden Monat werden mehr als 100 Beratungen in Anspruch genommen, wobei mit

13 % die Finanzierung ein Hauptthema ist. Der Verein hat einen Energiekodex für Handwerksbetriebe erstellt, der Grundlage für eine solide Empfehlung von Unternehmen ist. In der Presse sind die Aktivitäten des Verein stetig präsent. Man kann davon ausgehen, dass mindestens 1/4 der Ratsuchenden die Anregungen schon umgesetzt hat, ein weiteres Viertel das noch tun wird.

Wichtig für den Erfolg ist Aachen waren und sind die Bereitschaft, Gegenpole ins Boot zu nehmen. Interfraktionelle Arbeitskreise haben der Sache einen Schub nach vorne gegeben.

Fazit

Der 7. Regionale Klimawandel machte den Beteiligten Mut, „die Sache selbst in die Hand zu nehmen“. Als wichtig erkannt wurde übereinstimmend die Bereitschaft zu Bündnissen und der Zusammenarbeit mit den verschiedensten Akteuren. Es bleibt keine Zeit zu verlieren, wenn dem Klimawandel Einhalt geboten werden soll, und so nicht nur die Natürlichen Lebensgrundlagen gesichert, sondern auch nachhaltige Wirtschaftkreisläufe erhalten und geschaffen sowie nicht zuletzt die soziale Frage gelöst wird: Es muss eine Lösung gefunden werden für die Menschen, die steigende Heizkosten nicht mehr bezahlen, sich aber ohne unbürokratische Finanzierungsmodelle weder eine Energieoptimierung noch eine Umstellung auf Heizen mit regenerativen Energien leisten können. Sehr wichtig in dem Zusammenhang die Kooperation von Kommunen und Wohnungsbaugesellschaften. Das derzeit noch zu geringe Interesse der Vermieter an Sanierungsmaßnahmen zur Wärmedämmung und Heizen mit Erneuerbaren Energien darf nicht andauern. 

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