Ungeliebte Dörfer?

| 21. März 2004 
Die Verödung unserer Städte beklagte Günther Hees aus Bernkastel-Kues in seinem Leserbrief an den TV vom 28. Februar. In derselben TV-Ausgabe stand ein bemerkenswerter Bericht über die "Alten-WG" in Hinzerath, also "miten im Dorf". In beiden Fällen geht es um unsere Dorfkultur. Wie eine "Faust aufs Auge" wirkt da die Lidl-Ansiedlung in Morbach.
Heide Weidemann

"Die von Generationen geschaffene deutsche Stadtkultur wird dem Verfall preisgegeben," schreibt Herr Hees - mit Recht. Neue Baugebiete über den Bedarf hinaus trotz absehbarem dramatischem Bevölkerungsrückgang, Gewerbegebiete auf der grünen Wiese, ein Einkaufszentrum nach dem anderen wie jetzt wieder Lidl in Morbach: Das entzieht heimischen Unternehmen in den Dörfern und Städten den Boden! Auch die Gemeinden selbst haben nichts davon, denn in ihren Kassen herrscht trotzdem fatale Ebbe.

Wie auch, solche Unternehmen haben ihren Sitz in der Regel ganz woanders und dort zahlen sie richtig Gewerbesteuer, nicht bei uns. Und die Zahl der Arbeitsplätze insgesamt ist trotz einem auf diese Art gesteuerten Wirtschaftswachstum ständig gesunken. Eine solche "Wirtschaftsförderung" führt überall dazu, dass mehr und mehr Geld und Wertschöpfung aus der Region abfließen, während Menschen zu bloßen Konsumenten degradiert werden, die ihren einzigen Vorteil in Dumping-Preisen (egal auf wessen Kosten) sehen sollen.

Nein, es ist allerhöchste Zeit für neue Rezepte, für eine nachhaltige, regional eingebundene Wirtschaft, die nicht primär weltweit agierenden Konzernen und deren Vermögensmehrung dient, sondern den Menschen und ihren wahren Bedürfnissen. Die Bewahrung der Identität der heimatlichen Region und ein menschlich geprägtes Miteinander gehören ganz gewiss dazu.

In Hinzerath setzt eine Gemeinschaft von älteren Mitbürgern "auf eigene Faust" ein deutliches Signal, wie ganz anders man mit Stadt- und Dorfkultur im weitesten Sinne umgehen kann. Hier ist deutlich zu spüren, mit wie viel Liebe zur vertrauten Umgebung, zur Gemeinschaft, zum Leben ans Werk gegangen wird. Möge das Schule machen, auf allen Ebenen.

Man kann sich nur wünschen, dass die Teilnehmer der Tagung über "Geisterdörfer" im Hunsrückhaus am 26. März diesen Aspekt in den Mittelpunkt stellen und sich nicht mit der Fokussierung auf den demografischen Wandel von den wichtigsten Problemen ablenken lassen.

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