Begegnung der poetischen Art mit Christine Bretz

Wo? Auf der Festivalwiese “Thomas Müntzer” / Subsistenz -Bauernhof von Lothar Gothe
|  4. September 2021 

Ein Nicht-Wort-Sein-Können, das heraus will.

In Lyrik im Wort, wie im Bild zwischen Farbe und Strich. Rätsel, Aufforderung, Gespräch mit der Welt.

Und Gespräche mit Menschen, wie Richard (Richie *1) Pestemer, der mir die Magie des Moments zwischen den Zeilen mit seinen Zeilen geschenkt hat, als er mir nach meinem kleinen lyrischen Auftritt auf Lothars Fest(*2) – sein soeben signiertes Buch* voller Zwischenzeilenaugenblicke entgegen hielt.

Magisch.

Danke für Deine Zeilen und für diesen Augenblick .

Christine Bretz

 

*1: Richard (Richie) Pestemer. Verantwortlicher Redakteur von www.tacheles-regional.de

*2: In Hünringhausen (Ortsteil von Bergneustadt am 21.August 2021) / Festivalwiese “Thomas Müntzer” auf dem Subsistenz -Bauernhof von Lothar Gothe

*3: Seelenblicke – Haikumomente

 

CHRISTINE BRETZ 

 

Vielleicht seelenverwandt

Du triffst den Ton

in jeder Lage

zwischen den Zeilen hindurch

direkt ins Mark

und alles was ich in mir trage

schwingt ungleich mit

löst mich gleich auf

wird stark und fragt

 

hat eine Ahnung davon

dass deine Zeilen in denen der Ton erklingt

keine Meilen entfernt sind

von meinem Sehnen

in dem er versinkt

 

Das Lied

 

Mein Tag will Akkordeon spielen.

Er will tanzen im Jetzt,

mich mittags auf den Berg hinauf führen,

umarmen und singen,

unverletzt dort den Himmel berühren,

denn er bereitet ein Fest, jenseits der Zeit,

denn die Zeit steht jetzt still,

sie wartet auf mich.

Ausgebremst lässt der Wettlauf mein Ego im Stich.

  

Auf dem Berg gibt der Tag den Tag frei.

Er liegt mir zu Füßen.

Er lenkt meinen Blick ein Stück weit ins Tal.

Ich rufe und lasse es grüßen,

schaue genauer,

denn ich hab keine Wahl:

 

Die Welt liegt aus den Angeln

vor mir unten im Feld

und ich frage mich,

was mich eigentlich hält.

Ohne Aussicht auf Gäste bin ich hier oben mit meinem Himmel allein.

Was wird wohl in den einsamen Häusern dort unten los sein?

 

Ich stelle mir Fragen und suche die Antwort in mir.

Mein Himmel ist fern,

denn gute Antworten finde ich nur zusammen mit dir.

 

Mein Blick schweift hinaus und bleibt im Innersten stehen.

Das, was ich ahne, will ich nicht sehen.

An den Enden der Welt liegen Welten in Fetzen und diese Enden reichen überall hin.

Sie werden verletzen.

 

Macht mein Lied auf dem Berg da noch Sinn? Oder läuft es Gefahr

seelenlos bloß im Nichts zu verschwinden

und meine Augen vor den Enden der Welt zu verbinden?

Ich warte und merke:

Mein Tag will das Lied und er singt es mir vor.

Vögel und Wind setzen ein

und ein drängender, flehender Chor

aus Träumen lenkt meinen Blick zurück auf die Wiesen im Tal

und zum zweiten mal zu blühenden Bäumen,

die vor Farben erschäumen, als wollten sie sagen:

Dein Lied muss es wagen.

Wir wollen nicht brennen.

Dein Lied will dir sagen:

Packt diese Enden, rollt sie auf.

Ihr dürft euch nicht länger verrennen.

Lasst den Egos nicht weiter frei ihren Lauf zu endloser Gier.

"Denn" - und das sagen die Bäume zu mir -

"Noch sind wir hier."

 

Gewinnmaximierung

 

Unter anschlagsweit gespannter Kupppel,

zwischen fort gesprengtem Skrupel

klettern wir im leeren Raum

immer weiter hoch auf der Gewinnerleiter

und runter vom Erkenntnisbaum.

 

Fieberhaft bringt unser Ehrgeiz uns zum Ziel.

Wir wollen immer mehr,

und davon möglichst viel.

 

Um auf halber Strecke nicht zu scheitern,

bringen wir zur Strecke, was im Weg liegt,

was uns hindert, unsere Siege zu erweitern.

Mit Entschlossenheit

erfüllen wir den Soll von maximaler Gier.

Mit Selbstverständlichkeit

zahlen wir den Zoll von Menschlichkeit und dem freien „Wir.“

 

Wir lernen, unsere Angst zu überwinden,

indem wir immer wieder Gründe finden, vor uns selbst zu fliehen

und unsere Rücksichtslosigkeit

mitsamt den Weichen auf unserem Weg

auf keinen Fall zu sehen.

 

Mit Leichtigkeit schwimmen wir im Überfluss,

gehören, dank des Raubzugs zu den Fetten

und sagen, Nur auf diese Weise sei es möglich, unsere Haut zu retten.

 

Hinauf auf den Gipfel

 

Beim Erklettern des Berges aus Gold

sind wir gesichert mit einem Seil aus Geld

 

Wir schauen nicht zurück

denn wer Rücksicht übt

fällt

 

Unser Blick ist nach oben gerichtet

und unser Klimmzug ist schnell

gnadenlos

hart

mit wachsendem Fell.

 

Der Reichste wird der Erste sein

denken wir

Das dickste Seil hält

 

Wir ahnen nicht

dass jede Verstärkung aus Mehrwert nichts bringt

wenn der Berg bricht

weil er um sein Leben ringt

 

Economy first

 

Der Weg in die Sackgasse

die zum Abgrund führt

durch Corona hindurch

bis zum Klimakollaps

und dem Zeitpunkt

an dem unsere Welt an Geld erstickt

ist keine Einbahnstraße.

 

Aber mit Scheuklappen im Gesicht

und eingeschränkter Sicht allein auf Karriere

bleiben Nebenwege verborgen hinter einer Barriere

aus Angst vor dem Fall.

Überall und für alle, die im Wettbewerb stehen.

Also für alle.

Denn unser Slogan heißt: Economy first!

Der uns blendet und hindert, zu sehen

dass neue Pfade dann Routen werden, wenn wir sie gehen.

 

Gelächter

 

Erst:

Andauerndes Gelächter aus Ehrgeiz

Dann: Dreißig Minuten

Heulen aus Trauer um die Welt

Ein Hohn aus Bitterkeit im Herzen des Metzgers,

der seinen Beruf nicht mehr ausüben wollte,

ohne seine gewohnte Bahn zu verlassen.

 

Und mache

 

Und mache ihn

möglichst hart,

damit er zu diesem Krieg passt,

damit er die Menschen im Krieg

vor Menschen, wie ihm beschützen kann

und es ihm möglich ist,

ohne zu zögern

zu töten.

(angelehnt an „Heilungsvollzug“ von Erich Fried)

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