Die Antwort von Karl Jaspers zur Huldigungsrede von Gregor Gysi zum Gedenken an Karl Marx, dem "größten Sohn" von Trier

Gregor Gysi ist ein "Worte-und Begriffejongleur". Er unterschlägt indes hinter einerm Blendwerk von witzigen Anmerkungen den Hang des Denkens von Marx hin zum Totalitären, hin zur Vernichtung aller freiheitlichen Philosophie
| 27. Mai 2013 
Marx-Rede Gysi Trier

DIE PHILOSOPHIE HAT SICH ZU RECHTFERTIGEN. DAS IST UNMÖGLICH.

Gregor Gysi hat in seiner überaus kenntnisreichen und humordurchgetränkten Trierer Karl-Marx-Gedächtnisrede betont, dass Karl Marx immer  jeglichen Dogmatismus ablehnte, ja dass Marx ein selbstkristischer Denker und Ökonom war, der es ablehnte, wenn sich Anhänger seiner Lehre als Marxisten bezeichneten. Das entspricht der Wahrheit, unterschlägt aber, dass Marx sich stets gnadenlos und zutiefst autoritär mit allen Kritikern seines von ihm entwickelten "wissenschaftlichen Sozialismus" auseinandersetzte. Er, Marx, schloss eine zeitgemäße Fortentwicklung seiner umfangreichen Erkenntnisse im wissenschaftlichen Sinne nicht aus, aber er verkündete dennoch als unumstößliche Wahrheit das Ende jeglicher Philosophie in seiner berühmt gewordenen 11.These zu Feuerbach:

" Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt darauf an, sie zu verändern." (zitiert nach MWE/Narx-Engels-Werke 3, S.534, 1988)

Und in der Ausenandersetzung darum, wie die Welt zu verändern wäre, berufte sich Marx, beruften sich seine Anhänger jeweils auf  "wissenschaftlich" begründete Erkenntnisse, die sich jeweils in der Praxis zu bewähren hätten. Und immerhin hatte der "rote Kaiser" Mao Tse Tung die Bewährung der Marxschen Ideen in der Praxis zum alleinigen Kriterium gemacht, diese Erkenntniss aber schnell wieder widerrufen, als er merkte, dass die reale Kritik am maoistischen Gesellschaftsentwurf zu tiefgreifend und radikal geriert. Da war dann schnell Schluss mit Lustig, und es ging allen Kritikern Maos nicht nur sprichwörtlich an den Kragen. Doch dieses Vorgehen stand vollkommen im Lichte der Marxschen Tradition der bedingungslosen Auseinandersetzung mit seinen Gegnern, insbesondere mit den nicht-autoritären Sozialisten und Anarchisten, die Marx samt und sonders - "wissenschaftlich betrachtet" - objektiv als Feinde der Arbeiterbewegung diffamierte. Gregor Gysi verkennt somit, dass nicht einfach die "großartige Lehren" von Marx von Stalin und Mao pervertiert wurden , sondern dass mit der berühmten 11.These zu Feuerbach der gedankliche Grundstein zur Vernichtung von "praxisuntauglicher Philosphie" und somit zum modernen Totalitarismus gelegt wurde.

Karl Japers verteidigt hingegen die "praxisuntaugliche Philosophie" entschieden:

" Nicht erst heute wird Philosphie radikal angegriffen und im Ganzen verneint als überflüssig und schädlich. Wozu sei sie da? Sie halte nicht stand in der Not.

Kirchlich autoritäre Denkart hat die selbstständige Philosophie verworfen, weil sie von Gott entferne, zur Weltlichkeit verführe, mit Nichtigen die Seele verderbe. Die politisch-totalitäre Denkart erhob den Vorwurf: die Philosophen hätten die Welt nur verschieden interpretiert, es komme aber darauf an, sie zu verändern. Beiden Denkarten galt Philosophie als gefährlich, denn sie zersetze die Ordnung, sie fördere den Geist der Unabhängigkeit, damit der Empörung und Auflehnung, sie täusche und lenke den Menschen ab von seiner realen Aufgabe. Die Zugkraft eines vom offenbarten Gott erleuchteten Jenseits oder die alles für sich fordernde Macht eines gottlosen Diesseits, beide möchten die Philosphen zum Erlöschen bringen.

Dazu kommt vom Alltag des gesunden Menschenverstand der einfache Maßstab der Nützlichkeit, an dem die Philophie versagt. Thales, der für den frühesten der griechischen Philosphie gilt, wurde schon von der Magd verlacht, die ihn bei der Beobachtung des Sternenhimmels in den Brunnen fallen sah. Warum suchte er das Fernste, wenn er im Nächsten so ungeschickt ist!

Die Philosophie soll sich rechtfertigen. Das ist unmöglich. Sie kann sich nicht rechtfertigen aus einem anderen, für das sie infolge ihrer Brauchbarkeit Berechtigung habe. Sie kann sich nur wenden an die Kräfte, die in jedem Menschen zum Philosphieren drängen. Sie kann wissen, daß sie eine zweckfreie, jeder Frage nach Nutzen und Schaden in der Welt enthobene Sache des Menschen als solchen betreibt, und daß sie sich verwirklichen wird, solange Menschen leben. Noch die ihr feindlichen Mächte können nicht umhin, den ihnen selbst eigenen Sinn zu denken und dann zweckgebundene Denkgebäude hervorzubringen, die ein Ersatz der Philosophie sind, aber unter den Bedingungen einer gewollten Wirkung stehen - wie der Marxismus, der Faszismus. Auch diese Denkgebäude bezeugen noch die Unausweichlichkeit der Philosphie für die Menschen. Die Philosophie ist immer da."

 

 

 

 

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