Fritjof Capra - Tao der Physik - zu Descartes

Die Ich-Illusion im "westlich-materialistischen Denken"
|  1. Januar 2012 
Diese innere Zersplitterung des Menschen spiegelt seine Ansammlung der philosophischen Denkweise voraus und nebenher, die zu einer extremen Formulierung des Dualismus Geist vs. Materie führte. Diese Formulierung erschien im siebzehnten Jahrhundert in der Philosophie von Rene Descartes, der seine Ansicht von der Natur auf der grundsätzlichen Teilung in zwei getrennte und unabhängige Bereiche gründete: dem des Geistes (res cogitans) und dem der Materie (res extenso). Die Cartesianische Teilung erlaubte den Wissenschaftlern, die Materie als tot und völlig von ihnen selbst getrennt zu behandeln, und die stoffliche Welt als eine Ansammlung verschiedener, in einer gewaltigen Maschine zusammengesetzter Objekte zu sehen.Dieser mechanistischen Weltbetrachtung hing Isaac Newton an, der seine Mechanik auf dieser Basis entwickelte und zur Grundlage der klassischen Physik machte. Von der zweiten Hälfte des siebzehnten bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts beherrschte das mechanistische Newtonsche Modell alles wissenschaftliche Denken. Parallel dazu ging das Bild eines Gottes, der die Welt von oben mit seinen göttlichen Gesetzen regiert. Die Grundgesetze der Natur, nach denen die Wissenschaft forschte, wurden somit als Gottes ewige und unwandelbare Gesetze betrachtet, denen diese Welt unterworfen war.Descartes' Philosophie war nicht nur für die Entwicklung der klassischen Physik von Bedeutung. Sie hatte und hat bis zum heutigen Tag einen gewaltigen Einfluss auf die westliche Denk-weise im allgemeinen. Descartes' berühmter Satz »Cogito ergosum« (Ich denke, also bin ich) brachte den westlichen Menschen dazu, seine Identität mit seinem Geist gleichzusetzen an-statt mit seinem gesamten Organismus. Als Folge der Cartesia-nischen Teilung empfinden sich die meisten Individuen als iso-lierte, »in« ihren Körpern lebende Egos. Der Geist wurde vomKörper getrennt und erhielt die vergebliche Aufgabe, diesen zusteuern, wodurch ein Konflikt zwischen dem bewussten Willen und den unbewussten Instinkten entstand. Jedes Individuum wurde weiter in eine große Anzahl getrennter Abteilungen aufgesplittert, entsprechend seinen Aktivitäten, Talenten, Gefühlen, Glauben etc., die in endlosem Konflikt stehen und dauernd metaphysische Konfusion und Frustration erzeugen.Diese innere Zersplitterung des Menschen spiegelt seine Ansicht von der Welt »draußen« wider, die als Vielfalt verschiedener Objekte und Vorgänge gesehen wird. Die natürliche Umgebung wird behandelt, als ob sie aus verschiedenen Teilen bestünde, die von verschiedenen Interessengruppen ausgebeutet werden können. Diese zersplitterte Ansicht wird auf die Gesellschaft ausgedehnt, welche in verschiedene Nationen, Rassen, religiöse und politische Gruppen aufgeteilt wird. Der Glaube, dass all diese Teile - in uns selbst, in unserer Umgebung und unserer Gesellschaft - wirklich getrennt sind, kann als Hauptgrund für die gegenwärtige Folge von sozialen, ökologi-schen und kulturellen Krisen angesehen werden; eine steigende Welle von Gewalttätigkeit und eine hässliche, verschmutzte Umwelt, in der das Leben oft physisch und psychisch schädlich geworden ist.Die Cartesianische Trennung und die mechanistische Weltauffassung waren somit gleichzeitig nützlich und schädlich. Sie waren außerordentlich erfolgreich in der Entwicklung der klassischen Physik und Technik, aber hatten viele negative Folgen für unsere Zivilisation. Es ist faszinierend zu sehen, wie die aus der Cartesianischen Trennung und der mechanistischen Ansicht entstandene Wissenschaft des zwanzigsten Jahrhunderts jetzt diese Zersplitterung überwindet und zur Idee der Einheit zurückkehrt, die in den alten griechischen und östlichen Philosophien zum Ausdruck kommt. Im Gegensatz zur westlichen, mechanistischen Ansicht ist die östliche Ansicht von der Welt »organisch«. Für den östlichen Mystiker gehören alle von unseren Sinnen wahrgenommenen Dinge und Vorgänge zusammen und sind nur verschiedene Aspekte oder Manifestationen derselben »letzten Realität«.Unsere Neigung, die wahrgenommene Welt in einzelne verschiedene Dinge zu unterteilen und uns selbst als isolierte Egos zu erfahren, wird als eine aus unserer messenden und kategorisierenden Mentalität entstandene Illusion betrachtet. Sie wird in der buddhistischen Philosophie »Avidya« genannt und gilt als Zustand eines gestörten Geistes, der überwunden werden muß: Wenn der Geist gestört ist, wird die Vielfaltder Dinge produziert, aber wenn der Geist beruhigt wird, verschwindet die Vielfalt der Dinge." Fritjof Capra: DAS TAO DER PHYSIK

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