Meditationen zum 80.Spruch des Tao te king

| 22. Oktober 2006 
Aus aktuellem Anlaß (Bürgermeister-Wahlkampf in der VG Thalfang am Erbeskopf) bringt TachelesRegional hier noch einmal den Artikel von Richard Pestemer vom 07.11.2004, auf den die SPD in einer Anzeige im Amtsblatt der VG Thalfang vom 20.10.06 hingewiesen hat, in voller Länge.

Vorbemerkungen des Autors

Der Autor Richard Pestemer

R. I. , ausgewiesener Fachmann für Forschungen innerhalb der "Interkulturellen Philosophie und Religionswissenschaft" hat mich gebeten, etwas zur Toleranz zu schreiben. Da ich mich seit meines 17.ten Lebensjahres mit dem "Taoismus" beschäftigt habe, gleichzeitig aber auch mich in die Welt der Politik gestürzt hatte, dachte ich anfänglich daran, tiefgründig über Taoismus und die Toleranzproblematik in Hinblick auf Explikationen, konkreter auf Praxisanwendung zu schreiben. Dieses Vorhaben habe ich nach mehrwöchigen Schwangergehen mit diesem Thema vollständig verworfen.

Nachdem ich intensiv kreuz und quer die verschiedensten Bücher, Aufsätze gelesen, Vorträge zu diesem Thema gehört habe und mehrmals intensiv mit R. I. Diskussionen geführt habe, bin ich zur Erkenntnis gekommen, dass Toleranz, interkultureller Kulturaustausch, interkulturelle Philosophie interkulturelle religiöse Beziehungen usw. in keinster Weise ein irgendwie geartetes intellektuelles, akademisches oder abstrakt-meditatives Thema sind.

Meine Lebenserfahrung hat mir aufgezeigt, dass es Vorraussetzungen bedarf für einen fruchtbaren interkulturellen, interreligiösen herrschaftsfreien Dialog. Die Vorraussetzungen dafür werden in höchster Aktualität im 80.ten Spruch des Tao te king, welches möglicherweise im dritten bis zweiten Jahrhundert vor unserer Zeit im alten China vom legendären Laotse - von ihm alleine oder gab es ihn überhaupt als reale Person ? (bis heute in der Forschung umstritten) - verfasst wurde. Im 80.Spruch wird das Ideal des "kleinen, selbstgenügsamen Reiches" entwickelt. Angesichts der aktuellen globalen Verwerfungen, angesichts der Möglichkeit, dass die Menschheit ihr Gesamtexistenz durch einen ausufernden Weltbürgerkrieg und des drohenden Klimakollapses den kollektiven Selbstmord heraufbeschwört, stellen sich vernunftbegabte und Liebe wollende Menschen gleich welcher Ethnie, Religionszugehörigkeit oder ideologisch-philosophischer Richtung die dringende Frage nach den Alternativen.

Im 80.ten Spruch des Tao te king wird die mögliche praktizierbare Alternative in ungeahnter prophetischer Hellsichtigkeit aufgezeigt. Hier werden die auf den ersten Blick banal und naiv wirkenden Grundlagen für eine globale Neuordnung aufgezeigt: nicht mehr und nicht weniger.

Nach meinem mehrfachen persönlichen und politischen Scheitern auf der Suche nach weltumfassenden Utopien der sozialen Gerechtigkeit, habe ich mich immer wieder als politisch-praktischer Mensch mit den praxisorientierten einfachen Gedanken des Laotse und da insbesondere mit dem 80.Spruch beschäftigt. Bei einem meiner jüngsten Morgensparziergänge um unser kleines Hunsrückdorf, in dem ich mittlerweile seit 17 Jahren lebe, reflektierte ich eingehend über das taoistische Ideal des "kleinen Reiches", Reflexionen, Meditationen, die ich im nachfolgenden kurz und bündig dargelegt habe.

80.ter Spruch des Tao te king in der Übersetzung von Richard Wilhelm

Ein Land mag klein sein
Und seine Bewohner wenig.

Geräte, die der Menschen Kraft vervielfältigen,
lasse man nicht gebrauchen.

Man lasse das Volk den Tod wichtig nehmen
und nicht in die Ferne reisen.

Ob auch Schiffe und Wagen vorhanden wären,
sei niemand, der darin fahre.

Ob auch Panzer und Waffen da wären,
sei niemand, der sie entfalte.

Man lasse das Volk wieder Stricke knoten
und sie gebrauchen statt der Schrift.

Man mache süß seine Speise
Und schön seine Kleidung,
friedlich seine Wohnung
und fröhlich seine Sitten.

Nachbarländer mögen in Sehweite liegen,
daß man den Ruf der Hähne und Hunde
gegenseitig hören kann:

und doch sollen die Leute im höchsten Alter sterben,
ohne hin und her gereist zu sein.

Lebensdaten:
Richard Pestemer: 58 Jahre alt
Freier Journalist, Selbstversorger: Gemüse, Kommunalpolitiker, Übersetzer (Japanisch - Deutsch), freier Publizist

Politischer Werdegang:
Jungdemokrat (F.D.P.)/ anschließend 68iger Studentenbewegung, Marxist - Lenist: Maoistische Richtung, Betriebskader: 2 Entlassungen wegen linksradikaler Aktivitäten/ Hinwendung zu den GRÜNEN: 2 Jahre Mitglied der Stadtratsfraktion der GRÜNEN im Kölner Rat (1 Jahr Fraktionsgeschäftsführer), Ausstieg aus den GRÜNEN/ Rückkehr zur regionalen Graswurzelbewegung, Umzug von Köln aufs Land Hunsrück/ Mitglied im Neunkirchener Ortsgemeinderat/Hunsrück

Japan/Small is beautiful:
Mehrere kürzere und längere Aufenthalte in Japan, ausgedehnte journalistische Recherchen in Japan (vor allem amerikanische Militärstutzpunkte in Japan/ Ökologiebewegung/Frauenbewegung)/ Begegnung mit den Yabo Farmer (Wilden Farmer Bewegung, Selbstversorgungsbewegung in Hino, einer Vorstadt Tokios): Abwendung von abstrakt-marxistischen Programmatiken, Hinwendung zur praxisorientierter Selbstversorgung und der Idee "small is beuatiful"/ Vertiefte TAO-Lektüre: aktuelle Alternativen zum konzerngesteuerten Globalismus neoliberaler Prägung

Der Spagat:
Geldverdienen im globalen Supermarkt: Deutschunterricht für japanische Managerfrauen in Privatstunden und an einer kleinen Privatschule in Düsseldorf/ 10 Jahre journalistische Recherchearbeit n der japanischen Presseagentur KYODO in Bonn/ daneben und später auch freie journalistische Tätigkeit/ unregelmäßig-regelmäßig Arbeit als Koordinator und Dolmetscher für japanische Fernsehteams/ Recherchearbeiten für eine japanische Universität z.B. zu den Themen "Interkulturelles Management" und "Allfinanz"/ Herausgabe kleinerer Publikationen .....

Familie:
Verheiratet mit einer Japanerin/ 2 Kinder/ 3 Enkelkinder: daher große Zukunftsverantwortung und vom 80.Spruch des Tao te king so fasziniert

Meditation

Heute morgen geht es rund um das lange Feld: 12 ha viel mehr hat es nicht
Es könnte reichen für alle im Dorf: mehr braucht es nicht
Über das lange Feld hinweg, frisch ausgesät von modernsten Agrarmaschinen eines
Großbetriebes, seh ich den Gemeindewald: Biomasse, Energie gebündelt: mehr braucht es nicht
Frisch die Morgenluft, umrunde ich das lange Feld: drüben die letzte Ruhestatt: nah
Über mir, lärmend eine Flugzeug: ungestilltes Fernweh
Blutöl in unseren Adern aus verwüsteten Regionen geraubt: Schlachtenmelodien
Hochgezüchtete Informationen jagen um den Erdball: Kampf der Kulturen!
Hier ist alles in Überflusse da, wenn wir nur bescheidener blieben
Die Speisen der vier hiesigen Jahreszeiten uns munden ließen
In selbstgewebten bunten Kleidungen
In offenen, hellen Häusern
Ein Schwätzchen mit den Nachbarn halten, feste Feste feiern
Da drüben und weiter in der Ferne lebt es sich ebenfalls prächtig
So haben wirï s gehört
Jahr um Jahr in sich ruhend altern
Ein uralter Traum?
Kaum wieder im heutigen "Zuhause" angelangt: Nachrichten gehört:
Ein Land mag groß sein und seine Bewohner viele: Wie soll es in Frieden leben
Mit anderen? Wie derart Toleranz begreifen?

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