Die Wälder schweigen

Eröffnung einer Ausstellung im Hunsrückhaus auf dem Erbeskopf
|  1. Juli 2011 
Zur Eröffnung der Ausstellung "Die Wälder schweigen" am 18.6.2011 im Hunsrückhaus auf dem Erbeskopf verbindet Forstdirektor Hans-Jürgen Wagner Fakten und Kulturelles zu einer einfühlsamen Hommage an die ausstellende Künstlergruppe "Die Sieben".

Die Jahreszeiten wandern durch die Wälder.
Man sieht es nicht. Man liest es nur im Blatt.
Die Jahreszeiten strolchen durch die Felder.
Man zählt die Tage. Und man zählt die Gelder.
Man sehnt sich fort aus dem Geschrei der Stadt.

Erich Kästner ist jedem bekannt vor allem wegen seiner humorvollen, scharfsinnigen Kinderbücher , als Drehbuchautor und Verfasser von humoristischen Texten für das Kabarett, er hat aber auch zeitkritische Gedichte – wie dieses – verfasst.

Und es passt ausgezeichnet zur Eröffnung dieser Ausstellung von heute bis zum 17.07.2011 im Rahmen unserer Aktivitäten zum „Internationalen Jahr der Wälder“. Dass das Jahr 2011 unter diesem Motto stehen soll, hatte die Generalversammlung der Vereinten Nationen in ihrer 83. Plenarsitzung am 20. Dezember 2006 beschlossen. Und gemäß diesem Beschluss der Vereinten Nationen sollen in diesem Jahr auf allen Ebenen konzentrierte, gezielte Bewusstseins bildende Maßnahmen durchgeführt werden, um die nachhaltige Bewirtschaftung, die Erhaltung und die nachhaltige Entwicklung aller Arten von Wäldern zum Nutzen heutiger und künftiger Generationen zu stärken. Dabei kann  der Begriff Nutzen durchaus sehr weit ausgelegt werden. Er muss nur mit der Nachhaltigkeit verbunden sein. Und wenn sich Erich Kästner in dem ersten Vers seines Gedichtes mit den Geldern beschäftigt, dann ist dies für mich Anlass Sie auch an solch einem Abend ein wenig mit Zahlen zu konfrontieren, damit Sie ein globale Größenvorstellung bekommen womit wir uns eigentlich auseinandersetzen sollen.

Wälder bedecken mit knapp 4 Mrd. ha rund 30% der Landoberfläche der Erde. Sie erfüllen vielfältige Funktionen für Mensch und Natur, vor allem für den Schutz des Klimas, als Rohstofflieferant, als Lebensraum und für die biologische Vielfalt. Weltweit ist der Wald für etwa 1,6 Milliarden Menschen, die in extremer Armut leben, eine überlebenswichtige Existenzgrundlage. Dennoch werden weltweit 13 Mio. ha Wald pro Jahr zerstört. Dieser Verlust von Wäldern gefährdet die Lebensgrundlage der Menschen vor Ort und schadet Mensch und Umwelt auf regionaler und globaler Ebene. Deutschland ist ebenfalls zu rund 31% (genau wie der globale Wert) mit Wald bedeckt, Rheinland-Pfalz hat sogar ein Bewaldungsprozent von über 40%. Die Forstwirtschaft ist damit nach der Landwirtschaft die flächenmäßig bedeutendste Landnutzungsform.

Aus volkswirtschaftlicher Sicht kommt der Holzerzeugung eine ganz herausragende Stellung zu. Aus einem einzigen geernteten Festmeter Holz entsteht eine Wertschöpfung von mehr als 3000 Euro im Land Rheinland-Pfalz. An 1000 Festmetern Holz hängen entlang der Wertschöpfungskette 20 Arbeitsplätze. Das summiert sich: 50.000 Beschäftigte in 8500 Unternehmen des Sektors Forst, Holz und Papier erzielen in unserem  Land der Reben und der Wälder einen Umsatz von über 8 Milliarden Euro.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, es ist mir sehr wichtig Ihnen diese Größenordnungen zu vermitteln, denn nur dadurch ist es uns erst möglich, sämtliche an den Wald gestellten weiteren gesellschaftspolitischen Anforderungen auch befriedigen und bezahlen zu können. Die Forstwirtschaft in  Deutschland ist nachhaltig, dafür sorgen die rechtlichen Bestimmungen, insbesondere die Waldgesetze des Bundes und der Länder, sowie eine über 200-jährige forstwirtschaftliche und forstwissenschaftliche Tradition.

Das Dächermeer schlägt ziegelrote Wellen.
Die Luft ist dick und wie aus grauem Tuch.
Man träumt von Äckern und von Pferdeställen.
Man träumt von grünen Teichen und Forellen.
Und möchte in die Stille zu Besuch.

Das Wissen über die Wälder, ihre Bedeutung und Ihre Funktionen ist in weiten Teilen der Bevölkerung nicht mehr oder nur noch unvollständig vorhanden. Aktuellen Befunden zufolge  –  und das sind Untersuchungen aus dem Jahr 2009 – haben rund 40% der Erwachsenen eine enge Bindung an den Wald und nutzen diesen überwiegend zur Erholung und Entspannung. Diesem Teil der Bevölkerung steht jedoch eine ebenso starke Gruppe gegenüber, für die der Wald keine oder nur eine geringe Bedeutung hat. Insgesamt wird der Wald als bedrohtes und schützenswertes Gut wahrgenommen. Knapp drei Viertel der Befragten meinen, dass die Waldfläche in Deutschland immer kleiner wird. Noch mehr sind der Überzeugung, dass vielmehr getan werden müsse, um den Wald zu retten. Nebenbei bemerkt die Waldfläche in Deutschland wächst stetig um rd. 12.000 ha im Jahr – nur eben an den falschen Stellen. In den Ballungsgebieten nimmt der Waldanteil ab währen er in den siedlungsfernen Bereichen zunimmt. Was mich aber total erschüttert hat: Bei den Jugendlichen zeigen rund 80% eine große lebensweltliche Distanz oder sogar Entfremdung in Bezug auf den Wald.

Das persönliche Walderleben und das Wissen über den Wald werden in unserer Gesellschaft aber dringend benötigt, um die Wälder auch weiterhin erhalten, entwickeln und nachhaltig nutzen zu können. - Hierzu ist ein gesellschaftlicher Konsens erforderlich. Nur wie soll ich von jemandem  gesellschaftlichen Konsens erwarten wenn er von dem Gegenstand der Begierde Null Ahnung hat. Hier ist also eine immense Aufgabe in puncto Jugendarbeit zu stemmen und wir stellen uns dieser Aufgabe ganz offensiv.

Jetzt wird es aber Zeit sich dem Thema Wald und Kultur, Wald und Kunst zu nähern.

Man flieht aus den Büros und den Fabriken.
Wohin ist gleich! Die Erde ist ja rund!
Dort, wo die Gräser wie Bekannte nicken
und wo  Spinnen seidne Strümpfe stricken,
wird man gesund.

In dem gesamten Gedicht erscheint die Natur als ein vielfältiges , buntes und lebendiges Wesen, das in der Lage ist, dem Menschen Geborgenheit zu geben, ja sogar gesunden zu lassen. Wald als Ausschnitt dieser Natur ist wesentlicher Bestandteil unserer geschichtlichen und kulturellen Identität. In Deutschland hat sich – anders als in vielen anderen Ländern – über die Jahrhunderte – ja Jahrtausende - eine besondere Einstellung zum Wald entwickelt: Der Wald war und ist Träger mythologisch-spiritueller Vorstellungen, z.B. in Form der heiligen Bäume und Haine der Germanen und Kelten, als prägendes Element in unseren Märchen und Sagen sowie in Form einer verklärten Waldidylle der Romantik. Der Wald ist stiller Zeuge und Bewahrer der Hinterlassenschaften von längst vergangenen Völkern und Generationen: Kultstätten, Siedlungen, Verteidigungsanlagen usw. aus allen Zeitaltern haben hier als sog. Bodendenkmale überdauert und zeugen von unserer geschichtsträchtigen und wechselhaften Vergangenheit. Der Wald ist Quelle der Inspiration für Maler, Dichter und Komponisten und damit ein immer wiederkehrender Bestandteil in unserer Malerei, Literatur, Musik, Theater und Filmkunst.

Vom Wald hat sich auch die Künstlerinnen Gruppe „die Sieben“ inspirieren lassen. Eine Künstlerinnengruppe deren Markenzeichen es ist, trotz aller Unterschiedlichkeit in ihrem Ausdruck das Verbindende zu erkennen. Die Gruppe „die Sieben“ ist 1999 gegründet worden und ist im Binger Raum ein fester Begriff in der Kulturszene.  Sie ist bereits im Jahr 2002 mit dem Kunstpreis der Stadt Bingen ausgezeichnet worden. Ich verstehe es so, dass die Gruppe selbst kein statisches Gebilde ist, sondern auch einer stetigen Erneuerung unterliegt und daher kann es auch schon mal Vorkommen dass die Sieben wie jetzt durch acht Personen verkörpert wird. Ich bin deshalb besonders stolz Ihnen heute Abend diese Gruppe vorzustellen einige vonn ihnen hier begrüßen zu können.

Yadira Barvulsky: lebt als Tanzpädagogin und Choreografin in Bingen und trägt u.a. im Kunstverein „Die Sieben“ durch ihre besondere Ausdrucksform zur kulturellen Vielfalt bei.

Claudia Bonyadi-Gittermann: Kommunikationsdesignerin die Acryl-und Pastellkreide bevorzugt und Ihre figürlichen Motive oft reduziert darstellt – auch in abstrakter Form.

Öffnet externen Link in neuem FensterBernadette Heim: Autorin die gerne die heiteren Alltagsepisoden miterleben lässt , spannende und nachdenklich stimmende Geschichten und Erzählungen gehören ebenfalls zum Repertoire.

Öffnet externen Link in neuem FensterHannelore Hilgert: Skulpturen- und Objektkünstlerin die sich für göttliche und antike Schöpfungsmythen interessiert und dies in geformter gebrannter Erde ausdrückt.

Öffnet externen Link in neuem FensterHeike Justen: Malerin die sich gerne von der Liebe zur Natur inspirieren lässt und deren Bilder Optimismus und Lebensfreude ausstrahlen.

Öffnet externen Link in neuem FensterIris Ottes: ist Schriftstellerin die insbesondere Situationen beleuchtet, in denen weichen gestellt werden und sie beschreibt besonders gerne Wende- und Knickpunkte des Lebens.

Christine Rowland: die als Bildhauerin ihre Ideen aus der Beobachtung von Mensch und Natur sammelt und ihre eigene Interpretationen in von Leichtigkeit getragenen Skulpturen ausdrückt.

Ursula Zülch: Textilgestalterin die als Seidenmalerin mit ihrem Lieblingsmaterial und dessen vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten Landschaften und Phantasiegebilde,  die wie Blumen blühen erwachsen lässt.

Ich möchte Sie nun nicht länger Ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen und schließe mit dem vierten Vers:

Die Seele wird vom Pflastertreten krumm.
Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden
und tauscht bei ihnen seine Seele um.
Die Wälder schweigen. Doch sie sind nicht stumm.
Und wer auch kommen mag, sie trösten jeden.   

Lesermeinungen:

    Keine Kommentare
Für diesen Eintrag werden keine Kommentare mehr angenommen

Impressionen


Hannelore Hilgert: Lebensräume
Christine Rowland: Augen