Urlaub auf Sardinien

Werner und Friederun Rittel 
|  7. Juni 2004 
Es gibt ein Leben jenseits der Erwerbsarbeit, eine Einsicht, die wir nicht nur persönlich hochhalten sollten, sondern auch als Denkquelle nutzen sollten gegenüber all den verschrobenen Diskussionen zum Wachstum, verfehlter Vollbeschäftigung und dem nötigen Reformkurs. Um es auf den Punkt zu bringen, wir haben Urlaub gemacht und Sardinien bereist.
Eine der vielen Wandmalereien (Murales) in Orgosolo

Neben vielen anderen Zielen auf der Insel suchten wir das ehemalige "Banditennest" Orgosolo in den Supramonte-Bergen auf.

Orgosolo ist kein Dorf wie jedes andere, das merkte man schon, bevor man den Ort überhaupt betreten hatte. Am Ortseingang blickte man plötzlich einem auf zwei große Steinblöcke gemalten Späher in die Augen. Es handelte sich hier um zwei einfache Granitfelsen in freier Landschaft, die etwas aussagen sollen: Die Einsamkeit des Schäfers, der auch während der Arbeitspausen immer wachsam und aufmerksam gegenüber seiner Herde ist.

Im Dorf angekommen, konnte man sich dem Zauber der vielen Wandmalereien, es gibt ca. 150 davon, nicht entziehen. Diese sogenannten "Murales", nach gemalten Revolutionsaufrufen in Lateinamerika benannt, sind Ausdruck des Protests, des Unmutes über verfehlte Politik, Ausbeutung und Korruption. Vor allem aber verkörpern sie den Widerstand gegen jede Form von Fremdherrschaft.

Die manchmal archaisch wirkende Bausubstanz des Dorfes, die zum Teil mit leuchtenden Farben überaus reich bemalt ist mit leicht verständlich dargestellten Ereignissen aus aktuellen Themen, übte auf uns eine oftmals unbeschreibliche Suggestion ein und hinterließ tiefe Eindrücke.

Auch dieses Eckhaus ist mit einer politischen Wandmalerei versehen

Eigentlich kann die Wandmalerei als ein ausgezeichnetes Kommunikationsmittel angesehen werden, da sie, leichter als Gemälde (und obendrein kostenlos) aufgenommen wird, die zudem häufig an Wänden in kalten und strengen Sälen von Museen hängen und die manchmal von den einfachen Leuten nicht verstanden werden können.

Viele der Murales-Arbeiten sind stark vom Naiv-Stil geprägt, andere haben etwas mit der Graffiti-Malerei gemeinsam und etliche sind sehr naturalistisch gemalt. Immer aber zeichnen sich die Kunstwerke durch stark aufgetragene, meist helle Farben und eine kraftvolle Widergabe aus, während die Inhalte derselben in sardischem Dialekt oder auf italienisch zusätzlich erklärt werden. Bei leichtverständlichen Murales-Arbeiten wurde allerdings auf das Wort verzichtet.

Den Ursprung der Wandmalereien legte im Jahre 1968 eine anarchistische Theatergruppe aus Mailand, die im Zentrum des Dorfes die ersten politisch gefärbten Arbeiten ausführte. Das Phänomen der Murales-Arbeiten entstand aber erst im Jahre 1975, wo man den dreißigsten Jahrestag des Partisanenkampfes gegen Nazifaschismus und den Tag der Freiheit feierte. Es setzten nun Bemühungen ein, unterstützt durch persönlich gemachte Erfahrungen aus der Kriegszeit, mit der Absicht, das Interesse der Bevölkerung für diese Wandmalereien zu wecken. Und so wurden Themen der Widerstandsbewegung und auch Fragen lokalen Interesses von Ortsansässigen, Schulklassen sowie namhaften Künstlern auf den Häuserfassaden des Dorfes Orgosolo angebracht.

Ein Beispiel war die offene Kritik gegen die Gründung eines Nationalparks auf den Gennargentu-Bergen, ein Projekt, das ohne die örtliche Bevölkerungsbefragung ausgeführt werden sollte und das die dortige Landwirtschaft sehr getroffen hätte. Themen stellte auch der Krieg in Vietnam dar, der damals in der letzten Phase lag. Eindrucksvolle Bilder weisen auf die Bedrohung der gesamten Menschheit durch einen eventuellen Atomkrieg hin oder auch auf den Wahnsinn der Kriege, die ja zudem niemals einen Sieger erzeugen können. Oft wurde die Problematik von Pratobello aufgegriffen: Die Bevölkerung von Orgosolo besetzte 1969 ihre Weiden auf der Hochebene von Pratobello und verhinderte so die Entstehung eines NATO-Truppenübungsplatzes.

Diese Murales hat den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt und die RAF zum Thema

Wir könnten hier noch viele Interpretationen der "Murales" aufführen, doch dies würde den Rahmen sprengen. So bleibt noch zu sagen, dass die meisten dieser Themen an Aktualität und Brisanz nichts verloren haben. Besonders für uns, die wir engagiert sind bei ATTAC, bei den Friedensorganisationen, bei der BIEGAS-Binsfeld usw.

Auf Sardinien konnten wir viele Gleichgesinnte kennen lernen. So fanden sich PACE-Fahnen über die ganze Insel verteilt und wir kamen zu dem Schluss, dass es wichtig ist, jederzeit und überall Farbe zu bekennen und die pazifistische Flagge hochzuhalten, egal ob im warmen Sardinien oder in der kühlen Südeifel.

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