Anstatt der Kursfahrt - Ein Praktikum bei Sonnemanns

Es gibt ein Leben jenseits der industriellen Zivilisation
Johanna Isselstein 
| 25. Mai 2004 
Während meine lieben (noch-) Mitschüler mit Sicherheit ihren Spaß in Wien und Berlin hatten, kann ich für mich aber auch behaupten, diese Zeit bestmöglich genutzt zu haben. Ich verbrachte die zehn Tage auf der "Königsfarm" der Familie Sonnemann. Diese befindet sich oberhalb von Bernkastel und Longkamp mitten in Wald und Feldern. Hier wird ein Leben gelebt, wie es vermutlich nur wenige von uns "Normalbürgern" sich vorstellen können, geschweige denn gerne leben würden.
Die Autorin, Johanna Isselstein, frischgebackene Abiturientin

Vor 14 Jahren zog Friedmunt Sonnemann mit seiner Frau Katrin in die Königsfarm, mit dem Ziel dort ein Leben fernab der Gesellschaft zu führen und sich möglichst gut selbst versorgen zu können. Friedmunts Hauptbeschäftigung besteht heute aus der Kultur und Pflege alter und ungewöhnlicher Pflanzen und deren Samen. Sein Geld verdient er vor allem mit dem Versand dieser Samen; über die Zeitschrift "Schrot und Korn" etwa, oder über direkte Kontakte. Da er mit dieser Arbeit etwas tut, was nicht weit verbreitet ist, hat er sich schon einen Namen gemacht, sogar beispielsweise in Australien.

Ein Blick auf die Gartenanlage der Königsfarm

Für die Sonnemanns ist es sehr wichtig, die "genetische Vielfalt" zu erhalten. Heutzutage ist es so, dass die EU-Kommission bestimmt, welche Sorten Samen gehandelt werden dürfen. Die meisten "Seedgrower-Companies" sind in der Hand von Chemiekonzernen wie Bayer, die ihnen Diktate auferlegen und resistente Arten möglichst vermeiden wollen, damit sie ihre Spritzmittel besser und mehr verkaufen können. Der Handel mit einigen alten Sorten ist also nicht zugelassen, wobei es doch gerade wichtig ist diese zu erhalten. Denn die von der EU geförderten Hochleistungssorten haben zwar spezifische Eigenschaften, brauchen aber allzu oft diese Spritz- und Düngemittel, die der Umwelt erheblich schaden. Diese Sorten kann ein umweltbewusster Mensch also nicht anbauen und Friedmunt will regionentypische alte Pflanzen aufgrunddessen wieder aufleben lassen, was meiner Ansicht nach eine sehr wichtige Aufgabe ist, um die Zerstörung der alternativen Landwirtschaft und das immer größer werdende Monopol der Konzerne zu verhindern.

Katrin Sonnemann vor ihrer Filzwerkstatt

Aber nun zur Königsfarm. Wenn man die 500 Meter vom Parkplatz gelaufen ist (heranfahren kann man nicht) erscheint zunächst eine große Scheune, in der unten Arbeitsmaterialien gelagert werden, und die oben sehr gemütlich eingerichtet ist. Gegenüber befindet sich ein Bauwagen, der von Katrin zur Filzwerkstatt eingerichtet wurde. Wenn man den ausgetreten Pfaden weiter folgt, kommt man nach ein paar Schritten zu einem kleine Platz mit Feuerstelle. Links stehen weitere drei Bauwagen, zwei sind für Gäste gedacht (dort schlief auch ich) und in dem anderen schläft Wanda, die zehnjährige Tochter der Sonnemanns. Auf der anderen Seite dieses Platzes steht der sogenannte "Pavillon", ein selbstgezimmertes Gebäude, dessen beide langen Wände fast nur aus Fenstern bestehen und in welchem die Mahlzeiten eingenommen werden. In einem Anbau an den Pavillon befindet sich die Waschgelegenheit mit zwei Waschbecken und einer Badewanne. Das ganze etwas ungewöhnlich zunächst, denn die Waschbecken haben keine Kräne, sondern man schöpft sich das Wasser aus der Badewanne. Es wird aus einer Quelle dorthin geleitet, die sich oberhalb am Hang befindet (ein wahrer Hochgenuss im Vergleich zu unserem verkalkten Kranwasser!).

Die Wasseranlage

Auf dem Platz steht auch die Solardusche, die ökologisch und sehr gut funktioniert. Wenn man weitergeht, gelangt man zu dem Wohnhaus der Sonnemanns, gebaut auf die ganz alte Art mit Lehm und Stroh. Hier ist die wohlgeheizte Küche, in der Katrin, als ich auf meiner Besichtigungstour dort ankam, gerade Sirup aus den verschiedensten Beeren herstellte. In der Speisekammer werden die verschließbaren und haltbaren Lebensmittel gelagert; für die leichter verderblichen gibt es den Erdkeller, hier wird Butter und ähnliches aufbewahrt. Die Milch liegt (zumindest im Sommer) für gewöhnlich im Bach weiter unten im Tal, für deren Erreichen man erst durch etwas Wald und über eine steile Wiese gehen muss.

Friedmut Sonnemann bei der Gartenarbeit

Die Sonnemanns hatten als ich dort war ca. 30 Hühner und 8 Schafe, außerdem ein paar Katzen.

Während meines Praktikums auf dem Hof war übrigens gerade ein "Workcamp" dort, mit 15-20 jungen Leuten aus den verschiedensten Ländern (wer dazu Informationen will, wende sich an SCI: Service Civile International). Einerseits empfand ich das als etwas schade, da Friedmunt so weniger Zeit hatte mir Dinge zu erklären, andererseits aber auch als sehr spannend, sich mit Menschen zu unterhalten, die sich interessieren und nicht zurückschrecken aus Ekel vor dieser Andersartigkeit hier, wie es manche meiner Bekannten taten, denen ich von dem Praktikum erzählte.

Eine kurze Beschreibung meines Tagesablaufs: Morgens um halb acht wurden wir von Friedmunt mit einer sehr schönen Melodie auf einer hölzernen Querflöte geweckt. Es gab dann im Pavillon Frühstück und anschließend ging die ganze Truppe in den "Maiweggarten", eines von Friedmunts Feldern, auf dem die verschiedensten Pflanzen wuchsen. Wir rupften dort gemeine Kräuter von der einen Seite des ca. 20 m2 großen Feldes bis zur anderen, von dem großen roten "Färber-Amarand", den die Indianer früher zum Färben von Broten gebrauchten, bis hin zum ungarischen Thymian und nordamerikanischen Himbeeren. Vier Stunden in praller Sonne vormittags, und nach dem Mittagessen noch weitere zwei bis drei Stunden nachmittags. Bei dieser meditativen Arbeit entstanden in der Gruppe sehr interessante Gespräche über Zeit, Zukunft, Vergangenheit als Phänomene an sich, über "dream-working" und "dream-walking", und über verschiedene Interpretationen und Übersetzungsfehler der Bibel. Friedmunt kann ein bisschen aramäisch sprechen, die Sprache Jesus, welche sehr schön klingt.

Der Pavillon der Königsfarm

Nach einem solchen Tag waren wir meistens so erschöpft, dass wir nach dem Abendessen und vielleicht ein bisschen plaudern schon früh in die Betten fielen; so gut habe ich selten geschlafen.

Diese Art zu leben finde ich nach wie vor faszinierend, und ich überlege nach wie vor ob ich (vielleicht nicht ganz so extrem und etwas luxuriöser) mich auch in diese Richtung bewegen will. Im Prinzip weiß ich nicht, was man mehr braucht; das Wasser bekommt man aus der Quelle, man duscht sich kalt (oder, wenn die Solardusche durch Sonne funktioniert auch warm), und wenn man sich wirklich etwas gönnen will, macht man sich den Ofen an und geht ins selbstgebaute Badehaus. Strom, den es hier auch nicht gibt, braucht man eigentlich wirklich nicht, das Essen ist auf den Platten des Ofens schnell gut, und im Sommer ist es abends lange genug hell. Wenn man dann doch mal Licht benötigt, zündet man sich eben eine Kerze an. Im Winter macht man abends bei Kerzenlicht die Dinge, zu denen man im Sommer nicht kommt, weil draußen zu viel zu tun ist.

So wohnt man in der Königsfarm

An Fernsehen und andere elektrische Geräte haben wir uns so gewöhnt, dass ihre Nicht-Existenz uns zunächst als Verlust erscheint. Bei mir war es jedoch so, dass ich mich an deren Abwesenheit schnell und gut gewöhnt hatte, und diese Dinge keineswegs mehr vermisste, sondern immer größere Freude an Anderem fand, wie Büchern, Gesprächen, Tieren, der Natur an sich und dem Zeichnen.

Ich bin der Meinung, dass ein solcher Aufenthalt uns allen gut tun würde, uns etwas befreien würde, von unserer Versklavung/Verblödung durch die Medien, von der Politik, die unseren Blick allzu oft von den wirklich wichtigen auf scheinbar wichtige Probleme lenken will.

Mir wurde durch diesen Aufenthalt die Möglichkeit gegeben, meine Wünsche und Träume näher zu beleuchten und wurde "gezwungen", mich mit mir selbst zu beschäftigen, da die sonst alltäglichen Ausweichmöglichkeiten so nicht gegeben waren.... eine wichtige Erfahrung.

Die Familie Sonnemann lädt im Übrigen jeden, der sich dafür interessiert, zu einem Besuch oder Praktikum auf die Königsfarm ein (Telefonnummer unter Bernkastel zu finden).

 

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