Traumregentropfen

oder der Junge mit dem Hut
|  7. Oktober 2010 
Eine wunderbare Geschichte zum Träumen und Nachdenken...

Es war an einem Tag, an dem graue Wolken am Himmel klebten, viele kleine Regentropfen gegen Scheiben knallten, jeder Ausatmende eine heiße Dunstwolke gen Himmel blies und Züge kunterbunte Menschenknäuel ausspuckten und wieder einsaugten. Ein kleiner Junge mit einem grauen Hut spazierte mutterseelenallein entlang der Gleise und spähte in die Ferne. Er sah die Züge ankommen und verschwinden, wie Würmer die sich ziellos und blind durch unterirdische Kanäle schlängelten und überall etwas Kot und aufgewühlte Erde zurückließen.

Der Junge mit dem Hut kam gerne hierher. An Tagen, an denen nichts einen Sinn zu ergeben schien und er sich rastlos und leer fühlte, kam er an diesen Ort, denn das Treiben am Bahnhof folgte einer ganz selbstverständlichen, scheinbar unzerstörbaren Routine, und selbst wenn die Erde unter den Füßen wackelte, die bunte Welt hinter einer Regenwand verborgen blieb und nichts so war, wie es sein sollte, würde doch irgendwann wieder ein Zug kommen aus dem fremde Reisende strömten, mit all ihrem Gepäck und ihren Plänen und Geschichten. Dann drehte sich die Welt ganz selbstverständlich weiter und man konnte sich auf eine Bank setzen und fremden Menschen dabei zusehen und zuhören, wie sie lebten.

Denn an solchen Tagen war es einfacher, nicht selbst zu existieren, sondern die Zeit anzuhalten, auszusteigen und andere Menschen dabei zu beobachten, wie sie mit den kleinen und großen Problemen der großen Welt da draußen fertig wurden. Wie hinter einer Glasscheibe, wie ein unsichtbarer, stiller Zuschauer konnte man reglos dasitzen und schweigen, ohne dass es jemanden interessierte. Gleichzeitig konnte man mit großen Augen andere dabei beobachten wie sie weinten und lachten, wie sie als einsame Atome herumirrten oder sich von der Menschenmenge verschlucken ließen und an den Händen hielten, um sich nicht vollends zu verlieren, und wie dieser unendliche Strom an Geräuschen, Gerüchen und Gedanken sich auflud und dann auf ein endloses Ziel hinbewegte immer schneller und schneller, bis sich alles unendlich schnell drehte. Noch dazu war es oft einfacher, mit Fremden zu sprechen, Fragen zu stellen oder Geheimnisse zu erzählen, denn Fremde kamen und gingen, sie hörten zu, sie nickten, sie vergaßen. Fremde waren stets voll abenteuerlicher Geschichten, denn sie reisten und waren unterwegs, sie waren Teil eines bunten, anonymen Menschenknäuels, das niemals innehielt, niemals hinterfragte. Und da sie vergaßen und verschwanden, würden sie auch niemals verletzen können.

An manchen Tagen konnte der Junge mit dem Hut deshalb ein Straßenmusikant sein, der seine Eltern verloren hatte, musizierend durch die Lande zog und Geld in seinem Hut sammelte. An anderen Tagen war er ein Hutmachergeselle, der zu seinem Lehrmeister fuhr. Manchmal war er ein Kriegsflüchtling, ein Straßenkind, ein Tierdompteur, ein Schuhputzer, ein berühmter Schauspieler oder ein Taubstummer, aber nie musste er einfach nur der Junge mit dem Hut sein. Man glaubte ihm, egal ob er flüsterte, wild gestikulierte, die Sprache der Straßenfeger imitierte oder mit geschwellter Brust sprach und dabei seinen Hut schwenkte.

Es spielte keine Rolle, wem er seine Geschichten erzählte, solange nur jemand zuhörte, für einen kurzen Moment staunte und ihm ein paar große Kulleraugen schenkte, bevor er wieder in einen Zug stieg und in einem dunklen Tunneleingang verschwand. Und auch er selbst machte große Augen, wenn er die Geschichten der Fremden hörte, die zu Freunden fuhren, Geliebten, Kranken, Sterbenden, er staunte und er sog Geschichten in sich auf, die seine Sorgen klein und unbedeutend erscheinen ließen, die er unter seinem Hut verstauen und herausnehmen konnte, wenn ihm danach war. Unter seinem Hut waren die Geschichten all derer, mit denen er gelitten, gelacht, geweint und geschwiegen hatte. Wenn er eine Geschichte so traurig fand, dass er es nicht ertragen konnte, steckte er sie in den Hut und dann konnte er einen Augenblick verschnaufen bevor er sie zu Ende hörte. Aber auch wenn eine Geschichte so wunderschön war, dass er sie nicht auf einmal verschlingen wollte, stopfte er sie in den Hut und kramte sie hervor, wenn er nach einem glücklichen Moment suchte.

An diesem Tag jedoch, an dem die unüberwindbare Wolkenwand düstere Gedanken in sein Gesicht blies, machte der Junge eine Entdeckung. Er konnte so lange kramen und suchen wie er wollte, doch in den Tiefen seines grauen Hutes konnte er seine eigene Geschichte doch niemals finden.
Als ein kleiner Regentropfen von seiner Hutkrempe auf seine Nase platschte, der nach Abenteuer roch, nach Frühling und nach Traum, wusste der Junge mit dem Hut, dass es Zeit war, von seiner Bank aufzustehen, und nach seiner eigenen Geschichte zu suchen.

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