Gesellschaft im Spannungsfeld von Energie und Umwelt

| 17. Dezember 2004 
Die westliche Gesellschaft ist geprägt durch einen unersättlich steigenden Energiehunger. Das Wachstumsdenken und der verschwenderische Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen hat uns in den letzten sechzig Jahren derart geprägt, dass jegliche Bindung zu unserer natürlichen Umwelt verloren gegangen scheint. Grenzenlos globales Wachstum und Maßhalten sind nicht vereinbar. Aber welche andere Chance haben wir außer Maßhalten auf einem begrenzten Planeten, zumal einige sogenannte Schwellen- und Entwicklungsländer sich gerade anschicken, den gleichen Irrweg wie der Westen einzuschlagen? Auf der Suche nach einem neuen Weg ist es daher zunächst einmal wichtig, die wesentlichen materiellen wie immateriellen Grundlagen unseres Lebens als solche wieder zu erkennen.
Karl B. Molter

Als ich mir vor einiger Zeit das Konzept für diesen Artikel zurechtlegte, wurde mir klar, dass ich vermutlich mehr offene Fragen aufwerfen werde als ich beantworten kann. So habe ich mich entschlossen, hier meine Gedanken zu diesem Thema aufzuschreiben, ohne Anspruch auf umfassende und vollständige Behandlung. Viel wichtiger ist mir der Versuch, eine Brücke zu schlagen von der rein materiellen, technisch-wissenschaftlichen Sichtweise hin zu einer ganzheitlichen Sichtweise, die den Menschen und die menschliche Gesellschaft bewusst mit einbezieht. Denn dieses Thema ist kein Thema ausschließlich für Experten. Im Gegenteil, es geht jeden an, betrifft jeden unmittelbar und fordert jeden dazu auf, Stellung zu beziehen. Ich würde mir wünschen, die Leser damit zum Nach-Denken oder besser zum Weiter-Denken anzuregen.

Was ist eigentlich Energie ?
Selbst ich als Physiker kann diese Frage nicht klar und eindeutig beantworten. Ich kann nur sagen, dass die Physiker etwas, was sich uns in vielen unterschiedlichen Varianten offenbart (Wärmeenergie, Bewegungsenergie, elektrische Energie, Kernenergie etc.) unter dem abstrakten Begriff "Energie" zusammengefasst haben und in der Einheit Joule (oder Wattstunden) messen. Die in der Physik weitreichendste Definition ist die Gleichung, die Einstein aus seinen Überlegungen zur Relativitätstheorie ableitete: E = mc2 (Energie ist das Produkt aus Masse mal Lichtgeschwindigkeit zum Quadrat). Sie besagt, dass Energie und Masse äquivalent sind, Zustandsformen ein- und desselben. Man kann daraus den Schluss ableiten: "Alles ist Energie".

Vielleicht hilft uns aber zum Verständnis eher, wenn wir dem Ursprung des Wortes "Energie" nachgehen. Es stammt von dem altgriechischen Wort energeia ab, was man mit "Wirksamkeit" übersetzen kann. Das Grundwort ist der Begriff ergon, was soviel wie "Werk", "Kraft" oder "Tatkraft" heißt. Im physikalischen wie im übertragenen Sinn könnte man Energie als "das Vermögen, etwas zu bewirken oder zu verändern" bezeichnen.

In der Tat, ohne Energie würde sich "nichts bewegen" auf unserem Planeten, er wäre nicht einmal existent.

Kommen wir zum Begriff der Umwelt:
Was ist damit gemeint? Ebenfalls eine Frage, die in ihrer ganzen Dimension nicht gerade leicht zu beantworten ist. Mein Versuch, es ganz allgemein zu fassen lautet so: "Die Umwelt ist unsere Wahrnehmung dessen, was sich verändert". Dazu gehört die Landschaft, das Wetter oder das Klima. Dazu gehören aber auch die Natur (Flora und Fauna) ebenso wie die menschliche Gesellschaft. Letzteres bezeichnen wir allgemein als das "Leben auf unserem Planeten". Wir sind demnach untrennbar ein Teil unserer eigenen Umwelt.

Was sind nun die Grundlagen des vielfältigen Lebens auf unserem Planeten? Ich denke, es sind im wesentlichen drei Dinge, die die Grundlagen der auf unserem Planeten anzutreffenden Lebensformen bilden:

Wasser:

Die überwiegende Zahl der Lebewesen und Lebensformen auf unserem Planeten besteht zu einem großen Teil selbst aus Wasser und benötigt mehr oder weniger ständig Wasser. Ohne Wasser auf unserem Planeten wäre Leben in der uns bekannten Form undenkbar.

Energie:

Wie ich oben schon dargelegt habe, ist Energie die Voraussetzung für die Möglichkeit, Veränderungen herbeizuführen und damit die Voraussetzung für Leben. Die Lebewesen benötigen die Energie primär in Form von äußerer Wärme und in Form von Nahrung, aus der unser Organismus die für die verschiedensten Körperfunktionen erforderliche Energie bezieht. Wir benötigen diese Energie für motorische Funktionen wie Laufen oder Heben. Aber wir benötigen auch Energie zum Fühlen und zum Denken! Unsere wichtigste Energiequelle ist die Sonne: Sie sorgt für "angenehme" Temperaturen auf der Erde, sie ist die Energiequelle für eine wesentliche Nahrungsquelle: die Biomasse.

Sozialisation:

Neben diesen beiden unabdingbaren Voraussetzungen benötigen gewisse, hochentwickelte und organisierte Lebensformen etwas, das ich als Sozialisation bezeichnen möchte: Umgang und Kontakt mit Gleichartigen, soziale Nähe, Wärme, Empfindungen, gegenseitiges Vertrauen. Aus dieser Form von Sozialisation ergeben sich mehr oder weniger automatisch gegenseitige Abhängigkeiten, die dieses organisierte System ausbalancieren und stabilisieren, gewissermaßen dauerhaft machen.

Im seinem berühmten Sonnengesang bezieht sich Franz von Assisi unter anderem ausdrücklich auf die von mir genannten drei Lebenspfeiler. Ich zitiere auszugsweise:

Gelobt seist Du, Herr,
durch Schwester Quelle:
Wie ist sie nütze in ihrer Demut,
wie köstlich und keusch!

Gelobt seist Du, Herr,
durch Bruder Feuer,
durch den Du zur Nacht uns leuchtest.
Schön und freundlich ist er am wohligen Herde,
mächtig als lodernden Brand.

Gelobt seist Du, Herr,
durch die, so vergeben um Deiner Liebe willen
Pein und Trübsal geduldig tragen.
Selig, die's überwinden im Frieden:
Du, Höchster, wirst sie belohnen.

Die Bedingungen auf unserem Planeten haben sich über Jahrmillionen dahingehend entwickelt, dass sich dauerhaftes Leben etablieren konnte. Maßgebend dafür sind im wesentlichen Regelmechanismen und Kreislaufprozesse, die eine ausgeglichene Balance innerhalb der oben genannten Grundlagen schaffen. Als Beispiele seien genannt:

  • Wasserkreislauf (Verdunstung - Wolkenbildung - Niederschlag)
  • CO2-Kreislauf (Bindung von CO2 in Form von Biomasse, Freisetzung durch Zersetzung, Verwesung / Verbrennung)
  • Nährstoffkreislauf (die über die Mineralisierung organischer Stoffe eines Kreislauf bildet)
  • Population und Nahrungsangebot (Regelmechanismus)

Der Antrieb für die genannten Kreisläufe ist letztlich die von der Sonne bereitgestellte Energie. Die Tatsache, dass all dies so angelegt ist, dass es dauerhaft funktionieren kann, bezeichnet man als Nachhaltigkeit.

Was ich bisher beschrieben habe, sind "natürliche" Prozesse, die letztlich solar angetrieben sind und in der Regel auf ihre Art sehr energieeffizient sind (vergleichen wir den Energieaufwand unseres Gehirns mit dem eines Computers). Im Rahmen der bisher beschriebenen Mechanismen hat sich allerdings eine Spezies entwickelt, die die Grundlagen unserer Lebensform in einer Weise für sich instrumentalisiert hat, wie es keine Spezies vorher getan hat. Zunächst hat sie sich der Energie bedient: Es begann mit der Zähmung des Feuers, setzte sich fort mit der Entwicklung der Dampfmaschine und hat seinen momentanen Höhepunkt in der Nutzung der Atomenergie. Die Menschheit hat sich nach und nach energetisch von den beschriebenen natürlichen Prozessen abgekoppelt. Sie blieb damit nicht mehr den natürlichen Abläufen unterworfen. Durch die Entdeckung und Ausbeutung der fossilen Energieträger Kohle, Öl und Gas und durch die Atomenergie stand plötzlich Energie zu jeder Zeit an jedem Ort in scheinbar unbegrenztem Maß zur Verfügung.

Abgesehen davon, dass die Erdenbürger hier einer fatalen Illusion erlegen sind (keiner der Energieträger steht an jedem Ort zur Verfügung, sie müssen teilweise um den halben Globus transportiert werden, sie stehen nur dem zur Verfügung, der sie bezahlen kann und sie sind alle endlich, manche beginnen bereits knapp zu werden) haben sie die Folgen dieses Energiekonsums nicht bedacht: Es gelangen dadurch riesige Mengen an Schadstoffen in unsere Biosphäre und der durch den Menschen verursachte Anteil an der Klimaveränderung (CO2-Ausstoß und andere klimarelevante Emissionen) scheint nicht unerheblich.

Aber mindestens genauso dramatisch scheinen mir die damit verbundenen, gravierenden Veränderungen bezüglich unserer Sozialisation zu sein: Mit der (scheinbaren) energetischen Unabhängigkeit scheint eine Unabhängigkeit des Einzelnen von seiner sozialen Umgebung einher zu gehen. Individualismus wird groß geschrieben und der Götze, dem man letztendlich seine sozialen Lebensgrundlagen opfert, heißt uneingeschränkter Konsum.

"In der modernen Massengesellschaft wird ein Scheingefühl der Besonderheit produziert. Sein als Design, Identität als vorgefertigte Hülle einer kulturellen Formensprache, in die man hineinschlüpfen kann. Aber zugleich als etwas, das keine Bindung mehr kennt, sondern nur noch die Selbstbezogenheit des global player" heißt es in einer kürzlich ausgestrahlten Radioreportage zum Thema "Identität und ihre Störungen".

Wir haben, in vielfacher Beziehung, den direkten Kontakt und Bezug zu unserer Umwelt und damit unsere Identität verloren. Damit ist auch das zur Stabilisierung unserer Spezies entwickelte Prinzip der Sozialisation mit gegenseitigen Abhängigkeiten ausgehebelt: Wir selbst gefährden die oben genannten Grundlagen unserer Lebensfähigkeit, die materiellen (Energie, Nahrung etc.) wie die immateriellen (soziale Bindungen...).

"Bleib in Bewegung, geh keine Bindungen ein und bring keine Opfer", so beschreibt der amerikanische Soziologe Richard Sennett das Credo der flexiblen Gesellschaft.

Doch kommen wir zurück zur Umwelt und zum Begriff Umweltschutz: Nach dem bisher gesagten müssten wir uns eigentlich vor uns selbst schützen. Dies scheint ein Widerspruch zu sein. Ich verwende daher an Stelle des Begriffs Umweltschutz lieber den Begriff "Erhalt der Umwelt" oder in der christlichen Terminologie: "Bewahrung der Schöpfung".

Wir müssen unser Tun und Streben danach ausrichten, die Mechanismen und Prozesse, die unsere Lebensgrundlage bilden, dauerhaft in der Balance zu halten. Dazu müssen wir das Prinzip der Nachhaltigkeit ganzheitlich sehen:

  • Wir müssen unser Handeln so ausrichten, das die zum Leben notwendigen Ressourcen wie Wasser und Nahrungsmittel überall allen Lebewesen in ausreichender Menge und unbedenklicher Qualität zur Verfügung stehen. Dabei ist auf eine gerechte und konfliktfreie Verteilung zu achten.
  • Wir müssen unseren zusätzlichen Energie- und Rohstoffeinsatz so gestalten, dass es nicht zu ungleicher Verteilung, Abhängigkeiten und Verteilungskämpfen aufgrund von Verknappung kommt. Das bedeutet konkret, dass wir nur auf nachhaltige Energieträger (regenerative Energien, also letztlich die Sonnenenergie) und auf Stoffkreisläufe (Recycling, Müllvermeidung) setzen dürfen.
  • Wir müssen unsere sozialen Beziehungen und Bindungen wieder auf eine dauerhafte Basis stellen. Das bedeutet, dass wir erst einmal mit dem Blick auf das Wesentliche unser inneres Gleichgewicht, unsere Identität wiederfinden müssen. Ich glaube, erst wenn wir diese wiederfinden wird es uns gelingen, auch die äußere Balance, sowohl materiell wie immateriell, wieder herzustellen.

Diesen Prozess der ausbalancierten Koexistenz möchte ich als "Frieden" bezeichnen. Er ist nur dauerhaft aufrecht zu erhalten, wenn das Prinzip der Nachhaltigkeit wie oben angedeutet "ganzheitlich", also in Bezug auf unsere materiellen wie immateriellen Bedürfnisse umgesetzt wird. Dazu ist meiner Meinung nach die Thematisierung aller oben genannten Bereiche in allen gesellschaftlichen Schichten und Einrichtungen unbedingt erforderlich. Die Umsetzung ist letztendlich nur im "praktischen Tun" durch ständigen Dialog und ständiges Handeln möglich.

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern, genügend Energie aufzubringen, die man für den Mut und die Tatkraft benötigt, sich auf das Wesentliche im Leben zu konzentrieren und den richtigen, nicht immer geradlinigen Weg zu gehen.

Um noch einmal mit dem Soziologen Sennett zu sprechen: "Wie bestimmen wir, was in uns von bleibendem Wert ist, wenn wir in einer ungeduldigen Gesellschaft leben, die sich nur auf den unmittelbaren Moment konzentriert?"

Als Anregung dazu möchte ich meine Überlegungen mit dem folgenden Gedicht von Gerhard Schöne beenden:

Klang der Stille

Manchmal liege ich und lausche - bang in mich hinein.
Kommt das Lärmen noch zur Ruhe, ist das Schweigen rein?
Ist die Stimme schon erstorben, die einst in mir sprach,
kommt ein Same noch zur Reife, liegt das Feld schon brach?

Manchmal liege ich und lausche, ob ich noch versteh,
was die Lerchen mir erzählen überm roten Klee.
Hör ich noch den Klang der Stille, wie vor Jahren heut?
Hab mich oft vor ihr verborgen, oft zu oft zerstreut.

Manchmal liege ich und lausche und dann kommt es vor,
dass der weiche Schoß der Erde hebt mich leicht empor
Und dann hör ich deutlich reden Lerche, Wind und Klee.
Stehe auf und sage "Amen" geh nach Haus. Ich geh.

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