Atomwaffenlager Büchel oder Schwerter zu Pflugscharen?

|  3. September 2008 
Die Friedensproteste gegen die vermutlich 20 Atomwaffen im Fliegerhorst Büchel veranlasste die kommunalen Spitzenpolitiker zu einer ´"Ergebenheitsadresse" an den Kommodore des Atomwaffenlagers von Büchel. Für diese kommunalen Spitzenpolitiker sind nicht die dort stationierten Atomwaffen mit einer ungeheuren Vernichtungskazität ein Skandal und Ärgernis, sondern der "zivile Ungehorsam" gegen dieses "Teufelszeug". Der verantwortliche Redakteur vonTachelesRegional fragt sich, ob es denn Alternativen zu den Atomwaffen geben könnte.
Richard Pestemer

Schwerter zu Pflugscharen!

Die Rheinzeitung vom 27.August veröffentlichte einen Artikel mit der Schlagzeile „Bürgermeister stehen zu Soldaten“. In diesem Beitrag werden umfassend und ausdrücklich dargestellt, warum die Bürgermeister der Ortschaften rings um das letzte verbliebene Atomwaffenlager Deutschlands, in Büchel es ablehnten an der Frühstückstafel der „Mayor for Peace„ teilzunehmen zu der der Mutlanger CDU-Bürgermeister Peter Seyfried zusammen mit anderen KollegInnen aus ganz Deutschland vor dem Fliegerhorst in Büchel die Kommunalpolitiker aus der Region anlässlich der Friedensdemo in Büchel (letzte Augustwoche) eingeladen hatte.

Die Ablehnungen der Kommunalpolitiker, meist Parteifreunde des Mutlanger Kollgen, lauteten u.a. wie folgt:

„Wir stehen nicht vor dem Zaun, wir stehen gemeinsam mit Ihnen und den Soldaten in einer Linie hinter dem Zaun, der die gewaltbereiten Gegner abhalten und Rechtsstöße verhindern soll.“ (Landrat Manfred Schnur und die Bürgermeister in den Verbandsgemeinden in einem Schreiben an den Kommodore in einer Solidaritätsadresse mit den Soldaten des Fliegerhorstes) 

Eine andere typische „Begründung:

„Wir haben hier eine besondere Situation“, so der VG-Bürgermeister Karl Heinz Simon von Zell, denn die Bundeswehr sei der größte Arbeitgeber der Region.“Ich bin kein Freund von Atomwaffen, aber was ist, wenn der Standort Büchel gefährdet wird?“ 

Oder noch zerknirschter: 

„Atombomben sind die schrecklichsten Waffen, die es gibt. Aber die nukleare Abschreckung hat unserem Land auch viele Jahrzehnte den Frieden gesichert.“ (Albert Jung, VG-Bürgermeister der VG Treis-Karden)

Oder formal-bürokratisch: 

„Ich bin für solche Fragen nicht zuständig, das machen andere. Außerdem weiß ich offiziell auch nicht, ob in Büchel wirklich Atomwaffen lagern.“ (Edwald Martes, Bürgermeister der VG Kaisersesch) 

Oder aber leicht empört:  

„Ich hatte keine Einladung, hätte aber auch nicht teilgenommen,“ so Bürgermeister Helmut Probst der VG Cochem – Land. Die Nichtteilnahme, wenn er denn eingeladen worden wäre, „begründet“ er so:“ Was mich stört ist der von der Friedensbewegung veröffentlichte Aufruf zum zivilen Ungehorsam. Das ist schon ein Aufruf zu einer Straftat, was ich nicht unterstützen kann.“ 

Im Klartext: Hier hat die Elite der Kommunalpolitiker rings um das Atomwaffernlager Büchel, wo höchst wahrscheinlich 10 bis 20 Atomwaffen mit einer jeweiligen Zerstörungskapazität von 10 Hiroshimabomben öffentlich kundgetan, warum sie zum einen die durchweg friedlichen Demonstranten gegen diese Massenvernichtungswaffen für potentielle Gewalttäter und Kriminelle hält oder ohnmächtig resignierend eingestanden, dass diese „Schrecklichsten Waffen“ schließlich zu Zeiten des kalten Kriegs den „Frieden“ - aber nicht in Vietnam z.B., sondern nur in den USA und in Europa! - gesichert hätten.  

Zur Erinnerung: 

Laut externer Link in neuem Fenster folgtWikipedia wurden durch die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki 155 000 Menschen sofort getötet und weitere 110 000 Menschen starben innerhalb weniger Wochen danach an den Folgen der radioaktiven Verstrahlung. Bis zum heutigen Tagen sterben in dritter und nunmehr vierten Generation Menschen an den Spätfolgen. Jedes Jahr werden deshalb in Hiroshima und Nagasaki bei den Gedenktagen zum Abwurf der Atomwaffen die Namen der Spätopfer auf den großen Gedenktafeln eingraviert.  

Wahr ist aber auch, dass sich bis zum heutigen Tage keine US-amerikanische Regierung für den Atombombenabwurf - der durch gar nichts zu rechtfertigen war und ist – bei den Opfern in Hiroshima und Nagasaki entschuldigt hat. „Diese barbarischen Akte gegen die Menschlichkeit bleiben ebenso unvergleichbar wie der Holocaust an dem jüdischen Volke. Es sind dies Akte, die absolut außerhalb jeglicher Diskussion zu stehen haben und von allen menschlichen Wesen mit einem TABU belegt gehören.“ Dies erklärte mir gegenüber vor über zehn Jahren in einem Interview Ignatz Bubis, oberster Repräsentant der jüdischen Gemeinschaften in Deutschland. 

Gegenüber der edlen Geste des CDU-Bürgermeisters Peter Seyfried von Mutlangen, wo hartnäckiger Protest den Abzug von US-Mittelstreckenraketen erwirkt hatte, sollten alle Bürgermeister, die diese Einladung mit derartigen „Begründungen“ ablehnten, sich zutiefst schämen. Und wenn sie einer Partei angehören, die zu Unrecht das hohe „C=christlich“ in ihrem Namen führt, dann sollten sie sich ernstlich fragen, ob Jesus jemals die Produktion von Atomwaffen gerechtfertigt hätte oder ob Atomwaffen nicht Teufelszeug sind.

Der Hinweis auf die Schaffung und Sicherung von Arbeitsplätzen ist an Erbärmlichkeit überhaupt nicht mehr zu überbieten. Wenn man bedenkt, wie viele Abermilliarden Dollars, Francs, Pfunds, Renimnbaos, Dmarks und Euro in die Forschung, Produktion und Lagerung dieses Teufelszeug gesteckt wurde, und stattdessen ein wenig überlegt wie viele sinnvolle alternative Arbeitsplätze im jesuanischen Geiste des „Schwerter zu Pflugscharen“ hätten geschaffen werden können, dann möchte man fast verzweifeln über so viel Ignoranz.

Beispiel gefällig? Auf dem ehemaligen größten ehemaligen US -Munitionsgelände von Europa – Morbach Hunsrück – rotieren heute 14 Windkrafträder und stehen zahlreiche Photovoltaikanlagen, so dass heute Morbach nachweislich schon zum Stromexporteur geworden ist. Phantasie, viel Phantasie in Richtung Konversion aller Kriegsbasen in riesige Energielandschaften nicht nur in Büchel ist angesagt? Damit wir hier in unserer Heimat zukünftig ausschließlich aus erneuerbaren Energien die Energieversorgung zum Wohle unserer Region sichern können. Kürzlich hat der hochangesehene Ex-US- Vizepräsident Al Gore aufgezeigt, dass es technologisch möglich sei innerhalb von 10 Jahren das ehrgeizige Ziel der Umstellung der gesamten Energieversorgung auf ausschließlich erneuerbare Energieträger möglich sei.

Wenn wir also darauf nicht verzichten im globalen Krieg – der schönfärberisch als „Kampf gegen den internationalen Terrorismus“ betitelt wird – unsere jungen Menschen opfern, um die letzten nichterneuerbaren Rohstoffressourcen zu beherrschen - , dann wird es allerdings nie Frieden geben.

Es ist doch pervers wenn in Kreisen der US-Bushadministration durchaus beim kommenden möglichen Irankrieg an den Einsatz von Atomwaffen – auch aus Büchel? - gedacht wird.

Ein höchst ironisches Graffiti lautet deshalb auch: „Wie kommt unser Öl unter den verdammten arabischen Sand?“ Nein unser Ölfelder liegen nicht unter arabischem Sand, sondern das sind unsere energiereichen grünen Wälder. So gesehen ist jeder Bürgermeister ein „grüner Ölscheich!“ So gesehen wird unsere Freiheit, unsere Wohlleben eben nicht am Hindukusch in Afghanistan verteidigt, sondern in unserer Heimatregion. So gesehen ist „ziviler Ungehorsam“ gegen den Atomwaffenirrsinn in Richtung einer großangelegten Friedens-Energiewende zutiefst gerechtfertigt und ein Ausdruck von christlicher Nächstenliebe.

Soll man jetzt über die Ergebenheitsadresse der Bürgermeister ringsum Büchel allzu sehr verzweifelt sein? Nein, denn sicherlich ahnen diese Bürgermeister, dass irgend etwas nicht stimmen kann, wenn so viele - vor allem junge Menschen - die in Büchel gelagerten Atomwaffen zum Teufel wünschen! Und sich einsetzen für friedenserhaltende Energiealternativen!

Vermutlich rührte daher die gelassene Zuversicht der über 2000 Demonstranten, die in Gesprächen mit jungen PolizistInnen erfuhren, dass diese in hochsommerliche Hitze schwitzend an dem Sinn ihres Einsatz gegen die Friedensdemonstranten erheblich zweifelten. Und vielleicht rührt die Zuversicht daher, dass sie ahnen oder wissen, was der Dichter Hölderlin 1802 mit folgendem Vers zum Ausdruck brachte: 

Nah ist

Und schwer zu fassen der Gott.

Wo aber Gefahr ist, wächst

Das Rettende auch.

Lesermeinungen:

    Keine Kommentare
Für diesen Eintrag werden keine Kommentare mehr angenommen