Demokratie und Eva-Prinzip

Hamid Reza Yousefi 
| 18. Oktober 2007 
Tabuisieren die Main-Streammedien Tabu-Themen mit der "Faschismuskeule" ? Ein Beitrag von Hamid Reza Yousefi - Uni Koblenz/Landau zum umstrittenen Umgang mit Eva Herman.

Von der Macht der Medien zur Ohnmacht der Demokratie

Medien-Tribunal und das Recht auf freie Meinungsäußerung

Verfolgt man die neueren Ereignisse um die Äußerungen der ehemaligen Fernsehmoderatorin und Tagesschausprecherin Eva Herman, so stellt sich die Frage ›Was ist eigentlich in Deutschland los?‹ Diese Debatte berührt das Faktum, daß die Meinungsfreiheit in ›unserer‹ häufig idealisierten, real existierenden Demokratie ihre Grenze erreicht, wenn sie den Vorgaben der Medien oder einiger Interessengemeinschaften nicht entspricht. Demokratie, rechtsstaatliche Prinzipien und Meinungsfreiheit sind unverzichtbare Werte, deren verfassungsrechtliche Grundlagen, von welcher Instanz auch immer, nicht ausgehebelt werden dürfen, insbesondere auch nicht von den Medien, die nicht müde werden, immer wieder auf ihre Freiheit der Meinungsäußerung zu pochen. Wer sich für Demokratie entscheidet, muß auch über Differenzen reden können und andere Meinungen zulassen, die der Verfassung entsprechen.

Streitpunkt sind einige Äußerungen von Herman in ihren Veröffentlichungen ›Das Eva-Prinzip. Für eine neue Weiblichkeit‹ 2006 und ›Das Prinzip Arche Noah. Warum wir die Familie retten müssen‹ 2007. Die Bücher thematisieren familiäre Werte allgemein, unter anderem auch die Kinderlosigkeit der Deutschen. Herman vertritt die Ansicht, diesem Mißstand könne durch eine konsequente männliche und weibliche Rollenverteilung in der Familie entgegengewirkt werden.

In diesem Kontext wird Herman ihre Bezugnahme auf die Verhältnisse im Dritten Reich vorgeworfen. Sie distanziert sich vom Nationalsozialismus mit der Bemerkung, ›familiäre Grundwerte seien in der Nazizeit instrumentalisiert und für politische und gesellschaftliche Zwecke mißbraucht‹ worden. Sie stellt aber auch fest, vieles sei zwar sehr schlecht gewesen, aber einiges auch gut, so z.B. die ›Wertschätzung der Mutter‹. Diese Äußerungen waren für den NDR Grund, die Zusammenarbeit mit Herman zu beenden.

Am 09.09.2007 war Eva Herman von Johannes B. Kerner zu seiner ZDF-Talkshow eingeladen worden. Kerner räumte Herman vordergründig eine demokratische Gelegenheit ein, ihre Sicht der Dinge öffentlich darzustellen. Der Verlauf der Diskussion legt jedoch den Schluß nah, daß es wohl kaum von Kerner und den Funktionsträgern des ZDF beabsichtigt war, Herman im Namen der Meinungsfreiheit eine faire Plattform zur Darstellung ihrer Gedanken zu bieten.

Als weitere Gäste waren die Schauspielerin Senta Berger, die Ex-Talkmasterin Margarethe Schreinemakers, der Komiker Mario Barth und, als Experte im Publikum, der Historiker Wolfgang Wippermann anwesend. Anstatt Herman das Wort zu überlassen, war sie permanent den Fragen, Unterbrechungen und Stellungnahmen der übrigen Gäste ausgesetzt. Ziel der gesamten Sendung erschien, Herman durch Gruppendruck zur Zurücknahme ihrer ›problematischen‹ Äußerungen zu bewegen. Diese organisierte Aufforderung zur Selbstzensur scheiterte jedoch, da Herman von ihrer Auffassung nicht lassen wollte. Als Senta Berger den Wunsch äußerte, bei Beibehaltung des Themas die Gesprächsrunde zu verlassen, entschied sich Kerner dafür, mit den weiteren Gästen Gespräche zu führen und verabschiedete sich demonstrativ von Herman.

Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang, daß die Damen Berger und Schreinemakers das ›Eva-Prinzip‹ und die ›Arche Noah‹ offensichtlich nicht gelesen hatten. Unverständlich bleibt, wie ein Thema unter diesen Umständen sachlich diskutiert werden soll. Auch stellt sich die Frage, warum Kerner erst nach geschlagenen 53 Minuten Hermann ›verabschiedete.‹ Sollte er sie ausgeschlossen haben, weil Senta Berger keine Lust mehr hatte, Eva Herman zu diskutieren?

Auch die Argumentationsweise des Historikers Wippermann ist ein Hinweis auf Eindimensionalität und die politische Gelenktheit der Sendung. Einem erfahrenen Historiker dürfe es nicht unbekannt sein, daß es weder einen absoluten Text noch eine absolute Interpretation gibt. Pluralität darf hier nicht untergraben werden.

Es geht nicht um die Frage, ob der Hinauswurf eine persönliche Entscheidung von Kerner war, sondern darum, ob eine strukturelle Diskriminierung von Ansichten und Argumenten, die ›Tabubereiche‹ in ›unserer‹ Gesellschaft berühren, beabsichtigt war. Kerner bleibt dem Publikum eine Antwort schuldig, ob seine Einladung vielleicht von Beginn an darauf ausgelegt war, Herman aus seiner Runde auszuschließen, um einer geforderten ›political correctness‹ Genüge zu tun. Sicher kommt es nicht von ungefähr, daß im Anschluß an die Sendung alle Anwesenden von der Bild-Zeitung interviewt wurden. Kerner berichtete Bild: »Ich wollte wissen, was Eva Herman ›wirklich‹ denkt. Als ich gemerkt habe, daß sie ihre mißverständlichen Äußerungen nicht aufklären kann, habe ich sie freundlich verabschiedet.« Schreinemakers äußerte sich: »Über den Auftritt von Eva Herman waren Senta Berger, Mario Barth und ich fassungslos.«

 Kerners Sendung und die gesamte Aufmachung erinnert an ein inquisitorisches Tribunal der frühen Neuzeit, mit Wolfgang Wippermann als ›Oberpriester‹. Wie einst Galilei sollte Herman ihren ›ketzerischen‹ Ideen abschwören. Da dieses Ziel nicht erreicht wurde, war Kerners Verabschiedung und das Abgleiten der Sendung in einen seichten Talk die konsequente Folge einer gelenkten Fernsehpolitik.

Die ZDF-Leitung muß die Frage beantworten, mit welchem Recht sich ein Talkmaster anmaßt, als letztrichterliche Instanz herauszufinden, was Eva Herman ›wirklich‹ denkt. Der skandalöse Hinauswurf bestärkt die Vermutung, daß ein Gast aus einer Sendung entfernt wird, wenn er nicht dazu bereit ist, die vorformulierten Fragen so zu beantworten, wie sich dies der Talkmaster bzw. diejenigen, die im Hintergrund die Fäden ziehen, wünschen.

Sollte ein solch brisantes Thema nicht in einer seriösen Kultursendung in Form eines Zwiegesprächs diskutiert werden? Was heißt Meinungsfreiheit und wer definiert sie? Was heißt Toleranz und wer definiert sie? Wer setzt ihr Grenzen und wer hebt sie auf? Wer sagt, was falsch, richtig oder legitim ist?

Wie die Vorkommnisse beim Forum Deutscher Katholiken in Fulda zeigen, wird Herman vom ›Zentralrat der Juden in Deutschland‹ mit Argusaugen beobachtet. Dort hatte sie im Rahmen ihres Vortrags zwar vom Publikum anerkennenden Zuspruch erhalten, der Zentralrat kritisierte jedoch, der Beifall für Herman sei nicht nur ein Armutszeugnis für die Teilnehmer, sondern auch eine Ohrfeige für all diejenigen, die sich über 60 Jahre in der Aufarbeitung der Nazidiktatur engagiert hätten. Der Kirche wurde Fehlverhalten vorgeworfen und eine umgehende Klarstellung verlangt. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, lehnte diese Forderung mit dem Hinweis ab, Herman habe in ihrem Vortrag 40 Minuten lang über Liebe, Familie und Kinder gesprochen.

Es ist merkwürdig und befremdend, wenn alles, was in Deutschland über das Dritte Reich gesagt oder geschrieben wird, mit einer vorgegebenen Bestimmung im Einklang zu stehen hat. Eine solche geistige Besatzungsmacht verlangt politische Korrektheit, welche die Meinungsfreiheit in erheblichem Maße einschränkt und die Gesellschaft polarisiert.

Unbeschadet ihrer weiteren Ansichten ist Herman sicher im Recht, wenn sie auf ein typisch deutsches Problem hinweist: in der Öffentlichkeit über deutsche Geschichte offen zu reden ist nicht möglich, ohne sich zu gefährden oder zu diskreditieren.

Ein Volk, das sich nicht aus freien Stücken mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt oder bestimmte Elemente ausblendet und tabuisiert, reproduziert Probleme und schränkt das Recht auf freie Meinungsäußerung ein. Herman hat Öl in das Feuer der öffentlichen Auseinandersetzung gegossen, die gelegentlich die Form eines ›geistigen Bürgerkriegs‹ annimmt, dessen Virulenz zeigt, über welch wichtiges Thema sich die Autorin geäußert hat und mit welchen Denkverboten ›unser‹ demokratisches freies Deutschland belegt ist.

Dr. Hamid Reza Yousefi  Interkulturelle Philosophie,Kulturwissenschaftliches InstitutUniversität Koblenz/Landau  yous1201(at)uni-trier.de  

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