Scheidung

Hans Werner Jung 
| 20. November 2003 
Wer sich so durch die Internetseiten der einzelnen Gewerkschaften klickt, wird feststellen, daß in vielen Kommentaren keine klare Position zum derzeit durchgepeitschten Sozialkahlschlag zu erkennen ist.

Die Ehe zwischen den Gewerkschaften und der SPD ist gescheitert. Die Sozialdemokratie geht neue Wege und die Gewerkschaften bleiben hilflos zurück, weil kein gemeinsamer Nenner mehr vorhanden ist.

Es ist wie im normalen Leben. Beschreitet einer der Ehepartner plötzlich einen neuen Weg, so steht der andere vor der Entscheidung, diesen kritiklos mit zu gehen, um die Partnerschaft nicht weiter zu gefährden, oder sich ebenfalls neu zu orientieren.

Immerhin ist in den Gewerkschaften inzwischen weitestgehend die Überzeugung gereift, daß sie den Weg der neuen "Sozialdemokratie" nicht mitgehen können.

Das ist der erste Schritt.

Der zweite Schritt wäre, die Trennung zu erklären, um endlich den Kopf wieder klar zu bekommen und sich auf die Aufgaben der sozialen gewerkschaftlichen Arbeit zu besinnen und neue Verbündete zu suchen.

Interne Machtkämpfe, Konkurrenzdenken und mangelnde Kommunikation mit Basis und Öffentlichkeit tragen ebenso entscheidend zu der landesweiten Lähmung bei, wie der Mangel an politischer Bildungsarbeit und Arbeit der Vertrauensleute.

Ohne diese gewerkschaftspolitische Verankerung in den Betrieben wird die Zukunftsarbeit nicht zu bewältigen sein.

Das vorübergehende Singledasein macht nicht schwach! Im Gegenteil, es eröffnen sich viele neue Perspektiven. Zwar ist kein neuer "Ehe"-Partner in Sicht, doch Stärke und Solidarität sind durchaus auch in Bündnissen mit außerparlamentarischen, kirchlichen und anderen Gruppen zu finden.

Wie auch Hans Jürgen Urban v. d. IG-Metall bei seiner Rede beim Attac-Ratschlag in Aachen feststellte, "ist das (Sozial-) Staatsverständnis der NEUEN Sozialdemokratie ein Kind der Globalisierungs- und Standortdebatten" und nicht ein unumgänglicher Zwang, einen Sozialkahlschlag nie dagewesener Form mit undemokratischen Mitteln durchzupauken.

Deshalb ist es an der Zeit zu handeln, d. h. die Scheidung jetzt zu vollziehen!

Die Zeit ist überreif!

Dass der mächtigste Begriff der Gewerkschaften "SOLIDARITÄT" wieder Bedeutung gewonnen hat, wurde uns am 01.11.03 in Berlin überdeutlich gezeigt.

"Wir sind Viele und wir kommen wieder" (Ilona Plattner)

Die Gewerkschaften auch ?

 

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