Wachsen und Schrumpfen

Gedanken zum Wachstumswahn
|  8. November 2003 
Großes Erstaunen in der Medienwelt. Dem gediegen-seriösen Schweizer Eliteblatt "Neue Zürcher Zeitung" verschlägt es die Sprache: "Atemberaubendes Tempo der US - Wirtschaft: Realwachstum von 7,2 Prozent im dritten Quartal." (NZZ 31.10.03) Das Revolverblatt BILD legt noch eins drauf und fordert ohne jegliche Zurückhaltung: "Wirtschaftswachstum USA 7,2 % - Warum brummt unsere Wirtschaft nicht wie in Amerika?" (BILD 01.11.03). Im Stil zwar weit auseinander, eint die NZZ und die BILD indes die Ansicht, dass Steuersenkungen und Sozialabbau unverzichtbar seien, damit auch in "Old Europe" die Konjunktur anspringt. Wobei die NZZ allerdings irritiert feststellt, dass die Situation am (amerikanischen) Arbeitsmarkt von der amerikanischen Regierung als "nach wie vor unbefriedigend" betrachtet werde.

7,2 % USA Wachstum: Was ist da eigentlich gewachsen? Natürlich nicht zuletzt die immensen Rüstungsausgaben, um als "Global Sheriff" in jedem Winkel der Welt nach dem Rechten zu sehen.

Aber warum in Ferne schweifen? Auch vor unserer heimatlichen Haustür erleben wir, was Wachstum bedeuten kann. Der Trierische Volksfreund vom 5.11.03 stellt fest: "Das 40 Millionen Euro-Projekt zur Verlängerung der Start- und Landebahn des Flughafen Hahns ist "von gewaltiger Dimension: 800 Meter soll die Rollbahn in südwestlicher Richtung verlängert werden."... " Lötzbeueren verliert durch den Bau der Startbahn und der damit erforderlichen Verlegung der B 327 rund vierzig Hektar Gemeindewald, und erwartet wird außerdem deutlich mehr Lärm. Außerdem müssen 200 Bäume wegen ihrer überragenden Höhe gefällt werden." Das damit einhergehende Wachstum der Klimaschädigung durch die RYANAIR -Billigflieger bleibt dabei unerwähnt.

Das alles schaffen wir in Deutschland selbst in der abgelegensten Provinz - anders als BIG AMILAND - bei einem Fast-Nullwachstum des Bruttosozialproduktes. Mensch stelle sich aber vor, auch bei uns brummte, so wie es BILD sich ersehnt, das Wirtschaftswachstum mit 7,2 %. Unsere Heimatregion würde sich in eine gigantische Grossbaustelle verwandeln: sämtliche Autobahnlücken würden endlich betonvergossen werden, der Hochmoselübergang würde zur touristischen Sensation hochstilisiert. Und es würde brummen und wummern zu Wasser, zu Lande und in der Luft, so dass uns Hören und Sehen verginge.

Diese Vision treibt augenscheinlich unseren Landesvater Kurt Beck und seinen Wirtschaftsminister Bauckhage voran: Wachstum, Wachstum, Wachstum um jeden Preis, denn nur das schafft Arbeitsplätze. Da darf die Umweltministerin Conrad in Sonntagsreden schon mal entlastend verkünden, dass der Klimaschutz die größte Herausforderung ist, der wir uns stellen müssten. Aber dabei bleibt es dann auch, Taten folgen den Worten nicht.

Dabei steckt gerade im Klimaschutz ein unglaubliches und dazu nachhaltiges Wachstumspotential, wie der Bau der Energielandschaft Morbach es eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat: 14 Windrotoren und die landesweit größte Fotovoltaikanlage erzeugen mehr Strom als die Einheitsgemeinde Morbach verbrauchen kann. Allerdings: Hier brummt kein "gepuschtes" Wachstum, hier drehen eindrucksvoll "Gebührenzahler" ihre Rotoren. Die hier getätigten "Subventionen" vernichten nicht Menschen und Natur, sondern bewahren Schöpfung. Also: Mehr von DIESEM Wachstum! In unserer Region ist noch viel Platz auf den Hausdächern für Solar - und Fotovoltaikanlagen. Und immerfort raus mit den alten Erdölheizanlagen und stattdessen moderne Holzöfen rein. Nicht vergessen wollen wie die Wachstumspotentiale bei der Altbausanierung. Damit sparen wir nicht nur Schadstoffe ein und fördern das heimische Handwerk, wir lassen auch die Militärausgaben schrumpfen. Frieden schaffen wir nicht mit Waffengewalt im Irak oder im Hindukusch im Kampf um die letzten nicht erneuerbaren Energieressourcen, sondern hier in unserer Region schaffen wir Frieden mit intelligenter Nutzung der erneuerbaren Energien. Sonne und Biomasse hat unsere Heimatregion reichlich und satt! Und ebenfalls Arbeitsplätze, nachhaltige sogar.

Kurzum: Es geht um die Prioritätensetzung: Was soll wachsen, was soll schrumpfen? Soll der Sozialabbau wachsen, soll der soziale Frieden schrumpfen, sollen die Armen noch ärmer werden und die Reichen noch reicher.......! Sollen Macht und Profite der transnationalen Konzerne und Subventionsjäger wie Ryanair wachsen? Oder soll sozial gerecht der regionale und lokale Markt wachsen, damit der Einfluss "der kleinen Leute" wächst, damit sie das Sagen haben?

Eins dürfte jedem klar sein: Unser extrem hoher Energieverbrauch und Konsum, unsere industrielle Überaufrüstung in den westlichen Industrieländern, das muss drastisch schrumpfen: Dies kann ohne Beeinträchtigung der Lebensqualität geschehen, im Gegenteil. Und nur so kann es wirklich gerecht zugehen.

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