Die Schwierigkeit mit der Toleranz

| 21. August 2005 
Eine knappe Entgegnung auf Kurt Blees von der "Aktion 3.Welt"

In einem langen Interview mit der Zeitschrift Exzess vom Bundesjugendwerk der Arbeiterwohlfahrt fordert Kurt Blees eine kompromisslose Auseinandersetzung mit dem fundamentalistischen Islamismus, der alle Errungenschaften der westlichen Aufklärung in Frage stelle. Persönlich, betont Klaus Blees, sei er Atheist und lehne jede Religion ab. Aber selbstverständlich verteidige die Aktion 3.Welt Saar unab-hängig davon, was wir glauben oder nicht, das Recht auf freie Regionsausübung, auch das der Moslems. Wobei er aber hervorhebt: "Wer bestrebt ist, die Gebote des Korans wörtlich umzusetzen, kann nicht als demokratisch bezeichnet werden."

Dem ist nicht zu widersprechen. Dies gilt aber in dieser vorgeblichen Klarheit auch für fundamentalistisches Christentum. Ein Blick in die blutige Vergangenheit der Christianisierung - einschließlich der Kämpfe um Jerusalem- bieten da Beweise genug. Und die aktuellen Missionierungsfeldzüge von protestantischen Sekten in Afrika und in Lateinamerika lassen Vergleiche zum intoleranten Islamismus durchaus zu.

Und letztendlich bleibt noch der Kreuzzug des "wiedergeborenen Christen" George W. Bush zu erwähnen, der "bestrebt ist die Ideale der Demokratie wortwörtlich umzusetzen, also die ganze Welt zu demokratisieren..."

Die Errungenschaften der Aufklärung haben also viele Herausforderungen zu bestehen. Aber in einer von Klaus Blees herausgegebenen "Aufklärungsschrift" der Aktion 3.Welt wird behauptet: " Nirgendwo außerhalb des islamischen Kulturkreises sprengen sich die Verdammten dieser Erde selbst in die Luft und versuchen dabei, möglichst viele Zivilisten mit in den Tod zu nehmen." Aber diese auf Wirkung bedachte Äußerung soll die besondere Gefährlichkeit des Islamismus heraustreichen. Nur, diese Behauptung ist schlichtweg falsch. Die Kamikaze-Aktion der japanischen Selbstflieger beweisen das Gegenteil. Hier war der japanische fundamentalistische Staatsshintoismus die Grundlage solch barbarischer Aktionen. Und wie kürzlich in einer Sondersendung von Phoenix dargestellt wurde, hatte auch die deutsche Wehrmacht Selbstmordflieger in der "Abwehrschlacht" gegen die "bolschewistischen Untermenschenhorden" durchführen lassen. Nun könnte man sagen, das war ein Teil von militärischen Aktionen. Gut, dann wäre noch zu erwähnen, dass die Tamil Tigers auf Sri Lanka diejenigen waren, die systematisch und gezielt in der Auseinander-setzung mit den Singhalesen Selbstmordaktionen "kultiviert" haben, die darauf abzielten möglichst Zivilisten mit in den Tod zu reißen. Vermutlich haben die islamistischen Terroristen sich diese "Kampfformen" zum Vorbild genommen.

Bleibt also die Frage, warum Klaus Blees den Islamismus geradezu als die Hauptgefahr für den Weltfrieden darstellt. Und mit keinem einzigen Wort sich mit der Kreuzzugideologie des Kampfes gegen das "Böse" der Neokonservativen der Bush-Regierung auseinandersetzt. Sind es nicht die USA, die über das entschei-dende hochgerüstete Waffenpotential - einschließlich der Atomwaffen - verfügen. Und sind es nicht die USA die die pakistanische Atombombe, de indische Atombombe und die israelische tolerieren? Da wird behauptet: "Das seien Atom-waffen in den Händen von Nicht-Schurkenstaaten!" Ja, es stimmt, es war der demokratische Nichtschurkensaat USA, der die Uraniumbombe auf Hiroshima und die Plutoniumbombe auf Nagasaki, abwerfen ließ. Und diese Jahr wurden wiederum mehrer tausend Spätopfer in den Erinnungsmahnmalen eingraviert. Und die amerikanisch-demokratische Presse betitelte damals gegen Ende des Krieges die "Japsen" als "Kakerlaken" und "Ungeziefer".

Und ist es nicht genau diese selbstgerechte Argumentation von Klaus Blees, die mit dazu beiträgt- sicherlich nicht gewollt -, dass ein Dialog zwischen den Kulturen, zwischen den Religionen verunmöglicht wird. Wo dann jegliche Maßnahmen, auch die einer möglich Intervention in den Iran, um deren Atompotential auzulöschen - und sei es mit Mininukes- im Kampf zur Verteidigung der Aufklärung gerechtfertigt werden kann.

Ist es denn nicht so, dass der Angriffskrieg auf den Irak genau das Gegenteil bewirkt hat, nämlich, dass der islamische Terrorismus erst richt angeheizt wurde? Wer aber in einem solch brisanten Interview in keinster Weise versucht Erklärungen für die Entstehung des islamistischen Terrorismus aufzuzeigen, sondern dahin tendiert, letztendlich den Islam schlechthin als Feind darzustellen, der läuft Gefahr selber Fundamentalist für die Verteidigung der "westlichen Aufklärung" zu werden. Und damit hätten die islamitischen Terrorristen ihr Ziel erreicht.

Zur Klarstellung: JedeR hat sich in Deutschland an das Grundgesetz, welche die Menschenrechte einschließlich des Rechtes auf freie Religionsausübung , gewähr-leistet, zu halten. Die Strafgesetzgebung kann bei Verletzung der Grundrechte - durch wen auch immer - eingeschaltet werden. Das wird ja von Klaus Blees nicht beschritten. Warum also seine Aufregung?

Er behauptet, dass von der globalisierungskritischen Bewegung "Islamisten unter dem Banner der Toleranz akzeptiert und hofiert" werden. Es ist richtig, dass es innerhalb der globalisierungskritischen Bewegung teilweise ein falsches Verständnis gegenüber dem Islamismus gibt. Und es ist vollkommen einsichtig, dies zu kritisieren und scharf zurückzuweisen.

Anderseits muss aber auch Klaus Blees mit Kritik an seiner einseitigen unreflektierten Auseinandersetzung mit dem Islam und dem Islamismus gefallen lassen. Es ist sehr problematisch, die realen globalen Machtverhältnisse und ungerechten globalen Machtstrukturen auszublenden, und so zu tun, als wäre der Islamismus einfach so unter uns gekommen. Als gäbe es keine Ursachen für seine Entstehung. Die Entsehung des islamistischen Terrorismus versuchen zu begreifen, bedeutet ja nicht denselbigen zu rechtfertigen, wie oft behauptet wird. Klaus Blees sagt ja zu Recht, das liberale Moslems kein Problem mit der Demokratie hätten. Aber warum sagt Klaus Blees nicht, dass der "widergeborene Christ" George W. Bush seine Problem mit der Demokratie hat. Wo es doch fraglich war, ob es bei seiner Erstwahl mit rechten Dingen zuging. Und genau da liegt das Problem, nämlich die des Doppelstandards, wie es oft als Vorwurf der Islamisten gegen den "demokratischen Westen" formuliert wird.

Klaus Blees betont, dass er Atheist sei, vergisst aber, dass es auch unter Atheisten Pfaffen gibt. Und Hafis, ein von Goethe hochverehrter iranischer Poet, den übrigens die spießigen iranischen Mullahs der Jetztzeit lange Zeit verboten hatten, schrieb einmal folgendes Gedicht:

Heuchlerisch ist das Gemüt der Pfaffen,
Auf der Kanzel tun sie fromm und heilig,
So als sein den Engeln sie verschwistert.

Öffentlich entsetzen sie sich über
Jede Sünde, jedes Laster, -
Doch in ihren faulen Herzen stinkt es.

Was wir harmlos tun vor allen Menschen,
Tun sie widerwärtig im geheimen,
dieses abgefeimte Lumpenpack!

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